Der Künstler Szabolcs Kisspál setzt sich in Oldenburg mit dem Nationalismus seiner Heimat auseinander

„Die ungarische Kulturszene wurde komplett umgekrempelt“

Vaterlandsliebe ließe sich als amouröse Geographie verstehen: „Amorour Geography“. - Foto: Szabolcs Kisspál

Oldenburg - Von Radek Krolczyk. Das Oldenburger Edith-Russ-Haus zeigt derzeit unter dem Titel „Bulding a Nation“ Arbeiten des ungarischen Künstlers Szabolcs Kisspál, die sich mit dem ungarischen Nationalismus beschäftigen.

In einem Raum zeigen Sie eine riesige Sammlung antiker Gebrauchsgegenstände mit nationalistischen Symbolen. Wie kam es zu dieser Sammlung?

Szabolcs Kisspál: Ich habe mich mit der Bedeutung von Nationalreligion und Neuheidentum in der heutigen politischen Kultur Ungarns beschäftigt. In diesem Zusammenhang habe ich mir national aufgeladene Relikte aus der Zwischenkriegszeit angesehen. Auf diese Weise entstand die Idee für meinen Raum in Oldenburg. Ein halbes Jahr habe ich solche Gegenstände bei einem ungarischen Onlineauktionshaus gesammelt. Dieses Museum, das ich in diesem Raum eingerichtet habe, ist ein Display der nationalen Religion.

Wussten Sie, wonach Sie suchten?

Kisspál: Teilweise schon. Ich habe Suchbegriffe wie „Irredentismus“, „Revisionismus“ und „Nationale Relikte“ verwendet. Das hat mich dann zu neuen Dingen geführt, an die ich zunächst nicht gedacht hatte.

Was sind die seltsamsten Dinge, die Sie gefunden haben?

Kisspál: Eine Spritze von 1930 mit dem Markennamen „Trianon“ etwa. Das ist der Name zweier Schlösser im Versailler Park, auf denen nach dem Ersten Weltkrieg unter anderem die Aufspaltung Ungarn-Österreichs beschlossen wurde.

Findet sich auch der gegenwärtige Nationalismus in diesen Gegenständen wieder?

Kisspál: Natürlich. Solche Dinge sind sehr beliebt. Ich habe in meiner Sammlung einige davon zwischen den alten versteckt. Da wäre etwa ein Trianon-T-Shirt, das ich in der Ausstellung an die Wand gehangen habe. Das wurde 2010 zum 90-jährigen Jubiläum der Friedensverhandlungen in Umlauf gebracht.

Seit wann beschäftigen Sie sich als Künstler mit dem ungarischen Nationalismus?

Kisspál: 2012 produzierte ich das Video „Amorous Geography“. Es handelt von einem der prägendsten, wenn auch unterdrücktesten Motive der ungarischen Geschichte, dem Trauma das durch die Verhandlungen von Trianon entstand. Dieses Ereignis hat bis heute einen immensen Einfluss auf die Entwicklung der ungarischen Gesellschaft, auf die Ausbildung ihrer soziopolitischen Strukturen, der kulturellen Positionen.

Welche Form hat Ihr Film und welches Material haben Sie verwendet?

Kisspál: Das Material ist sehr unterschiedlich, es sind Archivbilder aus der Zwischenkriegszeit darunter, aber auch Schnipsel aus Nachrichten, digitale Bilder und von mir manipuliertes Filmmaterial. Es ist ein Erzählfilm geworden, der so tut, als sei er dokumentarisch.

In Oldenburg zeigen Sie ein Video, in dem Sie sich dem Adler als nationalem Symbol Ungarns widmen. Was hat es mit diesem Wappenvogel auf sich?

Kisspál: Ornithologisch handelt es sich um einen Falken. Der Vogel spielt in der Geschichte ungarischer Nationalmythologie eine zentrale Rolle. Durch Jahrhunderte hindurch blieb er ein zentrales Motiv und hat zahlreiche Bedeutungsverschiebungen durchgemacht. Vor den Verträgen von Triano repräsentierte er die Beständigkeit und Größe des Ungarischen Königreiches, danach war er das Symbol des Revisionismus, später stand er für Rassismus und Ausschluss. Die ungarischen Faschisten verwendeten den Vogel in ihrem Pfeilkreuz. Während der sozialistischen Ära war der Raubvogel weitestgehend aus der Öffentlichkeit verbannt. Nach der Wende wurden überall im Land Hunderte nationale Monumente errichtet, die einen Adler beinhalten. Viktor Orbán hatte bei der Einweihung eines dieser Monumente gesagt: „Dieser Archetyp gehört zu Blut und Mutterboden“.

In welcher Weise hat sich das Leben für einen Künstler in Ungarn seit Orbán verändert?

Kisspál: Es hat sich radikal gewandelt. Die ungarische Kulturszene wurde komplett umgekrempelt – institutionell, rechtlich, strukturell. Unter den traditionalistischen und nationalistischen Institutionen steht die Akademie der Künste ganz oben. Sie hat eine übergeordnete Rolle zugewiesen bekommen und übt finanziell und ideologisch eine gewisse Kontrolle im kulturellen Feld aus. Zeitgenössische Kunst wurde als gefährlich und nutzlos, Kritik als fremdartig gelabelt. Es gibt einen Zusammenschluss von Künstlern die sich dagegen wehren, die Macht des Regimes aber ist stabil.

Wie hat sich Ihre persönliche Situation verändert? Haben Sie noch Möglichkeiten auszustellen?

Kisspál: Es gibt unabhängige Foren, in denen ich mich äußern kann, der Großteil der Medien allerdings ist gleichgeschaltet. Dasselbe betrifft die Ausstellungshäuser. Die großen sind von der regierung ideologisch vereinnahmt. Die Leitungen wurden ausgetauscht, die kuratorischen Teams wurden gefeuert, wenn sie nicht von selbst gingen. Auch in den Jurys sitzen nationale Kräfte. Aber es gibt stets noch kleine unabhängige Ausstellungsorte wo man unter recht freien Bedingungen austellen kann.

Szabolcs Kisspal, Jahrgang 1967, lebt und arbeitet in Budapest.

„On Building Nations“ ist noch bis zum 23. Oktober im Edith-Russ-Haus in Oldenburg zu sehen.

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