Murray Perahia in der Elbphilharmonie

Unbekümmertheit vor Abgeklärtheit

Auch wenn der Dialog mitunter zu kurz kommt, überzeugen Murray Perahia und die Academy of St. Martin in the Fields.

Hamburg - Von Michael Pitz-Grewenig. Der Pianist Murray Perahia ist im rasanten internationalen Konzertleben ein singuläres Phänomen. Einer, der nicht auf kritische Interpretationsansätze oder auf virtuoses Überwältigen setzt, sondern auf poetische Bestimmtheit des Klangs, verbunden mit einem für ihn typischen abgerundeten Klangbild und einem quasi philosophischen Spürsinn für formale Zusammenhänge.

Mit der Gegenüberstellung des zweiten und des vierten Klavierkonzertes von Ludwig van Beethoven bekommen die Zuhörer im gewohnt ausverkauften großen Saal der Elbphilharmonie en passant einen interessanten Einblick in die rasante Entwicklung der Gattung des Klavierkonzertes innerhalb eines Zeitraums von nur fünf Jahren. Angesichts seiner musikalischen Intensität und perspektivischen Anschlagskultur wird die Wiedergabe des im Konzertsaal eher selten zu hörenden 2. Klavierkonzertes, das in Wahrheit Beethovens erstes ist, zum Erlebnis. Der erste und dritte Satz erklingen geistvoll und inspiriert, der langsame zweite Satz mit perspektivenreicher Intensität.

Das Klavierkonzert Nr. 4 in G-Dur, das 1805 entstand, in der gleichen Zeit, in der Beethoven an der fünften und sechsten Symphonie arbeitete, musiziert Perahia sympathisch lebendig und pointiert originell. Der Solopart erklingt sehr distinkt virtuos, im zweiten Satz delikat in der Feinabstimmung mit dem Orchester. In dieser kristallinen Klarheit wird das kurze Andante con moto in seiner Ausdruckstiefe zur zentralen Aussage des Ganzen. Wie Perahia sein Instrument zum „Reden“ bringt, wie vehement und differenziert er gelassene Unbekümmertheit vor Abgeklärtheit stellt, das ist ein ganz besonderes Hörerlebnis.

Mit einer äußerst warmen Tongebung gelingt es ihm, die organische Entwicklung und die Klarheit der Linienführung gleichermaßen voranzutreiben, dabei koordiniert er durchaus geschickt die Stimmen im Orchester. Kontrastreich werden mit Staccati- und Legato-Bögen die Gegensätze des Tänzerischen und Lyrischen gezeichnet. Fast jedes Motiv lässt sich mühelos verfolgen, ohne dass der großen Gestik etwas genommen wird, das gilt insbesondere für den subtilen Übergang vom kontemplativen zweiten Satz zum explosiven dritten Satz.

Ihm zur Seite steht die Academy of St. Martin in the Fields, deren erster Gastdirigent er seit 2000 ist, und die er vom Flügel aus dirigiert. Das ist ein problematisches Unterfangen, weil so oft der eigenständige Dialog zwischen Orchester und Solist verlorengeht, das Orchester mehr oder minder zu einer „Klavierverbreiterung“ wird und ein echtes Zwischenspiel nicht möglich ist. So auch an diesem Abend. Das gilt insbesondere für das vierte Klavierkonzerte, bei dem das Klavier auf besonders subtile Art mit dem Orchester verbunden ist.

Gleichwohl musiziert das Orchester auf höchstem Niveau und instrumental völlig untadelig. Wie auch zu hören bei der Ouvertüre c-Moll zu „Coriolan“ op. 62 von Ludwig van Beethoven, die im zeitlichen Umfeld des vierten Klavierkonzertes entstanden ist.

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