„Go West“: Schräges Theater aus Benelux in Oldenburg

Unbehagliche Begegnung

Joost Vandecasteeele

Von Johannes BruggaierOLDENBURG (Eig. Ber.) · Festivals haben es Markus Müller angetan. Nicht etwa wegen ihres Glamourfaktors mit Promigästen und Sektempfang – wenig läge dem Intendanten des Oldenburgischen Staatstheaters ferner als das.

Nein: Die Veranstaltungsreihen, die Müller in Oldenburg etabliert hat, sollen ausschließlich durch künstlerischen Anspruch überzeugen. „Go West“, ein Festival, das sich dem Theater aus Flandern und den Niederlanden widmet, bekannte sich in seiner ersten Ausgabe vor einem Jahr zu Experimenten und Entdeckungen. Ende Februar blickt das Oldenburgische Staatstheater nun erneut in zweifacher Hinsicht über die Grenze. Erstens geografisch, indem die niederländische und belgische Theaterszene ihre neuen Bühnenproduktionen vorstellt. Zweitens theatralisch, indem die Künstler dabei tradierte Formen der Schauspielkunst aufbrechen.

So zählt zu diesen tradierten Formen trotz Beckett immer noch die Idee, dass auf der Bühne etwas passieren sollte: ein Auftritt, eine Szene oder wenigstens ein schönes Bühnenbild. Die Theatergruppe „Max“ probiert es einmal mit dem Gegenteil aus. Das Ensemble hat einen Wachmann damit beauftragt, jeglichem Schauspielpersonal den Zutritt auf die Bühne zu verweigern. „Vorstellung, in der hoffentlich nichts passiert“ lautet das Ganze. Und es lässt sich natürlich erahnen, dass dabei eben doch etwas passiert – und sei es die gewaltsame Verhinderung einer Theateraufführung. In jedem Fall verspricht die Vorstellung am 28. Februar (18 Uhr in der Exerzierhalle) ein selten gewordenes Gut: Stille. Minutenlang.

Die Aussicht auf Ruhe dürfte insbesondere manche Eltern interessieren, denen das familiäre Alltagstheater mitunter allzu handlungsintensiv erscheinen mag. Singles hingegen, die sich in den eigenen vier Wänden ein wenig mehr Leben wünschen, können die Gruppe „Nieuw West“ anschreiben. Vom 25. bis 28. Februar schickt diese dann in Person von Schauspieler Marien Jongewaard einen Stalker vorbei. 60 Minuten dauert die nach Auskunft des Oldenburgischen Staatstheaters „intensive Erfahrung“ und „unbehagliche Begegnung“ im eigenen Wohnzimmer.

„So what?“ wird sich der Theaterfreund womöglich am Ende fragen. Die Antwort darauf erhält er bei Joost Vandecasteele, der seine „theatrale Dokumentation“ mit dem Titel „Otaku“ ganz auf die Klärung dieser „wichtigsten aller Fragen“ ausrichtet. Fakten, Vorhersagen, Karten, Rekonstruktionen, Meinungen und „ca. sechs Witze“ benötigt er laut Ankündigung. „So what?“: Diese Frage, heißt es, brauche sich nach seinem Auftritt am 26. Februar (20 Uhr im Polyester) niemand mehr zu stellen. Weil die Erarbeitung gerade einmal eine Dreiviertelstunde in Anspruch nimmt, schließt sich an sie der Auftritt des Spekulationsexperten Pieter de Buysser an. Das Spekulieren, beklagt dieser, sei durch die Finanzkrise zu Unrecht in Verruf geraten. Tatsächlich seien wir doch alle tagtäglich auf Spekulationen angewiesen: beim Überqueren der Straße oder beim Ausfüllen des Wahlzettels. Was folgt aus dieser Erkenntnis? Die Antwort fällt am 26. Februar nach Joost Vandecasteeles „So What?“-Erörterung.

Das übrige Programm des Festivals erstreckt sich von einer jüdischen Essens-Performance („Bon Appetit“ am 26. Februar um 18 Uhr) über einen Mord, dem keine andere Motivation zugrunde liegt als das Streben nach einer möglichst realistischen Filmszene (am 26. Februar um 22 Uhr in der Exerzierhalle) bis hin zu „Rennen“: einer Produktion über – wie der Name schon sagt – das Rennen an sich, eine 50-minütige Hetzerei über die Bühne der Exerzierhalle (27. Februar, 20 Uhr).

Auch das Schauspielensemble des Staatstheaters selbst ist am Festival beteiligt. Pieter de Buyssers Stück „Condor unlimited“ kommt am 25. Februar ebenso zur deutschsprachigen Erstaufführung (20 Uhr) wie direkt im Anschluss Rob de Graafs Drama „Strandgut“ (beides in der Exerzierhalle).

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