Grandiose Intensität: „Hiob“ nach Joseph Roths Roman am Schauspielhaus Hannover

Ein Ultrafrommer hadert mit Gott

Mächtiger Zorn: Szene aus „Hiob“. ·
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Mächtiger Zorn: Szene aus „Hiob“.

Hannover - Von Jörg Worat. Aha, es geht also doch noch: Man kann auch im heutigen Theater Bühnenmittel einsetzen, die originell sind und gleichwohl nicht nur als eitler Selbstzweck daherkommen. Wer diesbezüglich langsam Zweifel zu hegen begann, möge sich im Schauspielhaus „Hiob“ nach dem Roman von Joseph Roth anschauen. Ein in mehrfacher Hinsicht bemerkenswerter Theaterabend.

Rund 130 Minuten ohne Pause – das klingt erst einmal mindestens anstrengend, wenn nicht sogar nach einer Zumutung. Doch hier ergibt dieses Vorgehen Sinn, denn Regisseur Christopher Rüping hat sich aus gutem Grund für einen langsamen Wechsel der Darstellungsformen entschieden, und der dadurch entstehende Spielfluss würde eine Unterbrechung nun gar nicht vertragen.

Der Stoff hat bezüglich einer theatralen Umsetzung zwei Hauptprobleme. Zum einen umfasst Roths 1930 erschienener Roman eine Zeitspanne von mehreren Jahrzehnten, zum anderen geht es um Schauplätze, die unterschiedlicher nicht sein könnten: ein mehr als bescheidenes russisches Schtetl und New York. In diesem Rahmen vollzieht sich das Schicksal des schlichten Bibellehrers Mendel Singer, der von grausamen Schicksalsschlägen geplagt wird, bis sogar dieser ultrafromme Mann mit Gott zu hadern beginnt: Sein viertes Kind kommt schwer krank zur Welt, zwei Söhne fallen dem Ersten Weltkrieg zum Opfer, die Tochter wird wahnsinnig, und seine Frau stirbt vor Kummer.

Regisseur Rüping lässt die Anfangspassage als Stummfilm ablaufen, komplett mit Klavierbegleitung und Erzählstimmen. Irgendwann brechen einzelne Darsteller rücklings Löcher in die Projektionswand, und nun wird deutlich, dass die Videosequenzen tatsächlich live auf der Hinterbühne abgedreht werden. Eine Zeitlang wechseln beide Handlungsebenen, bis schließlich die Wand verschwindet und nun Theater „in Reinkultur“ zu erleben ist: ein gelungener Kunstgriff, um die Atmosphäre angemessen breit aufzufächern.

Dazu kommt ein Ensemble, das durchweg gut und in den Spitzenmomenten sensationell ist – die große Gottesanklage am Schluss zum Beispiel hat eine grandiose Intensität. Andreas Grothgar als Mendel Singer besticht vor allem durch die so schwer zu spielende Einfachheit, aus der sich dann um so mächtiger der Zorn entwickeln kann, aber sämtliche anderen Mitwirkenden haben ebenfalls ihre Glanzlichter: Catherine Stoyan, Carolin Eichhorst, Camill Jammal, Philippe Goos und Jonas Steglich.

Auch die Schlusspointe wirkt stimmig inszeniert. Dass der Abend trotz all dieser Stärken nicht hundertprozentig überzeugen kann, liegt an mancherlei entbehrlichen Zuspitzungen, vor allem im ultraschrillen Bild, das hier von den USA gezeichnet wird, inklusive Astronautenauftritt. Und Befindlichkeiten müssen sich keineswegs immer in exaltiertem Sprachgestus beziehungsweise Körperausdruck manifestieren – man könnte sie auch bei reduzierter Mimik nachvollziehen, sofern diese zielgerichtet eingesetzt wird.

Aber sei’s drum. Diese Inszenierung pflanzt ein dickes Ausrufezeichen ins Programm des hannoverschen Staatsschauspiels. Und das ohnehin jubelfreudige hiesige Premierenpublikum geriet am Schluss außer Rand und Band.

Kommende Vorstellungen: am 28. Februar sowie am 4., 20., 27. und 30. März, jeweils um 19.30 Uhr im Schauspielhaus Hannover.

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