Alles im Lack: Die Kunsthalle Bremen zeigt Hochglanz von Sarah Morris

Uhrform als Urform

Sarah Morris: „Big Ben“, Glanzlack auf Leinwand, 2012 ·Gallery, New York
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Sarah Morris: „Big Ben“, Glanzlack auf Leinwand, 2012 ·Gallery, New York

Bremen - Von Johannes BruggaierDie Welt wohnt im Eingangsbereich der Kunsthalle, und diese Welt ist bunt. Sarah Morris hat sie dort großflächig an die Wand gemalt: Zwar hat sie ihr den portugiesischen Titel „Jadrim Botânico [Rio]“ verpasst, was lediglich auf den Botanischen Garten in Rio de Janeiro verweist. Christoph Grunenberg zufolge aber geht es um weitaus mehr als bloß einen Park in der brasilianischen Metropole. Um Umwelt und Zivilisation nämlich, um Politik und Geschichte: ziemlich alles also, was unsere Wirklichkeit so ausmacht.

Man muss in dieser strengen, aber farbenfrohen Anordnung von flügelähnlichen geometrischen Formen nicht zwingend ein so allumfassendes Ausdrucksspektrum erkennen, wie es der Kunsthallen-Direktor nahelegt.

Zumindest der Anklang an Ästhetiken aus dem lateinamerikanischen Raum allerdings offenbart sich sogleich: Es ist das Spiel mit Kurven in orthogonalen Systemen, ein Anblick, wie man ihn aus der Architektur von Oscar Niemeyer kennt. Hinzu kommt eine deutliche Präferenz für Regenwald-Grün, durchbrochen von Himmelblau. Spärliche Kontraste zu dieser Natursymbolik finden sich in den wenigen grauen Flächen, die mit etwas Abstand auch als silbern durchgehen könnten. Es ist ein dem Material geschuldeter Lichteffekt: Morris arbeitet mit Glanzlack, wie er im Industriedesign, aber auch in ganz gewöhnlichen Haushalten gerne verwendet wird.

Funktional gesehen gelingt der Britin auf diese Weise der Brückenschlag von den (durch die Glasfront der Kunsthalle sichtbaren) grünen Wallanlagen zur klaren Innenarchitektur des Ausstellungsgebäudes. Auf der Sinnebene bietet sich das Wandgemälde als Projektionsfläche für eine Reflexion über Natur und Zivilisation an: über Designkriterien, die sich aus dem Widerspruch von technischen Notwendigkeiten und natürlichen Idealen ableiten.

Welt Nummer zwei wartet einen Raum weiter. Es handelt sich um ein Werk mit dem Titel „Big Ben“, erworben vom Förderkreis für Gegenwartskunst im Bremer Kunstverein. Vor einem Jahr hatte es im Rahmen der Olympischen Sommerspiele in einer Londoner U-Bahn-Station gehangen, als eine von 18 Variationen auf den berühmtesten Turm der Stadt. Darüber hinaus diente die Komposition dieses Exemplars als Vorlage für ein Plakat zu den Paralympics.

Auch dieses Bild ist vom Widerspiel von strenger Ordnung und anarchischem Aufbegehren geprägt, und auch hier findet sich die glatte Hochglanzästhetik des von Morris so geschätzten Haushaltslacks wieder. Man hört sie förmlich schlagen, die Glocken des Westminster-Palastes („Big Ben“ heißt eigentlich nur die schwerste Glocke im berühmten Uhrturm). Das ist insofern erstaunlich, als sich Morris in der Kunst der größtmöglichen grafischen Reduktion übt. Ein nicht einmal vollendeter Kreis mit zwei tortenstückförmige Elementen darin deutet Uhr und Zeiger an. Oben erinnern hochkantige Flächen an die charakteristische Fassadenarchitektur. Das war‘s.

Doch in dieser Übersichtlichkeit offenbart der kulturhistorische Kontext des neogotischen Stils umso schärfere Konturen. Sichtbar wird etwa die Anlehnung an Wuchsformen aus der Botanik, man glaubt Kornähren und Baumrinden zu erkennen. Der Kreis des Ziffernblatts lässt vor diesem Hintergrund an seine mythologisches Bedeutungsspektrum denken, von der Himmelsscheibe bis zum Sonnengott: Aus der Uhrform wird die Urform, Menschenwerk als ständige Nachahmung des immer schon Dagewesenen.

So findet sich in den Grafiken der Sarah Morris zwar doch nicht gleich die ganze Welt – dafür aber vielleicht die ganze Zeit, von ihrem Anbeginn bis zur Gegenwart. Unter dem synthetischen Hochglanz des Lacks liegen Jahrtausende währendes Ringen des Menschen mit seiner Umwelt verborgen, eine unendliche Geschichte des Austarierens von Natur und Kultur, von Abhängigkeit und Emanzipation. Die Neuerwerbung für die Bremer Kunsthalle: Sie ist keine leichtgewichtige Sache.

Die beiden Werke von Sarah Morris sind ab heute in der Kunsthalle Bremen, am Wall 207, zu sehen. Öffnungszeiten: Mi. bis So. 10-17 Uhr, Di. 10-21 Uhr.

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