Überraschungen sind in „Was ihr wollt“ von Hannovers Ballettchef Jörg Mannes Fehlanzeige

Erwartungen erfüllt

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Ausdruck statt kopfgesteuerter Bewegungsverwaltung prägt die Inszenierung in Hannover.

Hannover - Von Jörg Worat. Mal wieder ein Mannes: Ist es nun ein gutes oder ein schlechtes Zeichen, wenn eine Uraufführung von Hannovers Ballettdirektor Jörg Mannes mit großer Verlässlichkeit alle Erwartungen erfüllt? Sie lauten: sehr sauberes Handwerk, hohe Musikalität und keine Überraschungen – das war jetzt bei „Was ihr wollt“ nach Shakespeare nicht anders. Und vielleicht, so mag man aus dem gewohnt enthusiastischen Beifall schließen, legt das Opernhaus-Publikum auf die besagten Überraschungen auch gar keinen gesteigerten Wert. - Von Jörg Worat.

Irrungen und Wirrungen zuhauf sind angesagt, wenn Shakespeare ein Zwillingspaar auf Illyrien stranden lässt. In typischer Manier ist kaum jemand, was er zu sein scheint, und natürlich verlieben sich alle in die Falschen. Das ist schon verbal nicht ganz einfach zu vermitteln, und die Beschränkung auf die Körpersprache erhöht den Schwierigkeitsgrad noch. Mannes hat diesbezüglich einen guten Job gemacht, und gleichwohl sollte man die Geschichte kennen – wer etwa nicht weiß, was Malvolios gelbe Strümpfe zu bedeuten haben, wird die entsprechende Szene kaum verstehen.

Bei der Musikauswahl hat der Choreograph immer ein sicheres und oft ein glückliches Händchen. Diesmal gibt es viel Prokofjew, viel Schostakowitsch und ein bisschen Dvorák. Das Ensemble weiß, keineswegs eine Selbstverständlichkeit im Ballett, die Nuancen dieser Klänge zu bedienen, und auch das Niedersächsische Staatsorchester unter Mark Rohde schwingt sich, nach kleinen Anlaufschwierigkeiten vor allem bei den Bläsern, auf die facettenreiche Musik ein.

Die Tanzsprache ist einmal mehr die bewährte Mischung aus gemäßigter Moderne und Neoklassik – auf jeden Fall orientiert sie sich mehr am Ausdruck als an kopfgesteuerter Bewegungsverwaltung, ohne darüber unangemessen pathetisch zu werden. Geschmackssache ist und bleibt allerdings Mannes‘ Verständnis von Humor, das sich recht regelmäßig in arg neckischen Passagen äußert. Der Choreograph hat diesmal sogar einige drollige Figuren dazuerfunden, eine Dienerin und einen Mini-Zirkus, die bei genauer Betrachtung durchaus entbehrlich wirken.

Darstellerisch sind die Akteure über so ziemlich jeden Zweifel erhaben, wobei die Damen im Schnitt die Nase einen Tick vorne haben: Neuzugang Aleksandra Liashenko vermeidet bei aller Präsenz in der Hosenrolle der Viola stilsicher alberne Klischees, Michèle Stéphanie Seydoux als Olivia nimmt man sowohl die leisen als auch die beschwingten Stimmungen ab. Publikumsliebling wird dann aber doch ein Mann: Denis Piza, ohnehin der eigentliche Star des Hauses, legt einen ganz wunderbaren Malvolio aufs Parkett, macht Komik und Tragik dieses eitlen Fatzkes deutlich, der schließlich durch eine Intrige ins Unglück gestürzt wird. Die kecken Hüftschwünge, die er im fälschlichen Glauben vollführt, Olivia habe sich in ihn verknallt, werden zwar etwas überstrapaziert, dafür gehört das Solo, das Piza in einem Sack tanzen muss, zu den originellsten Momenten des Abends – übrigens auch ungleich subtiler als die zurzeit ebenfalls in Hannover angesetzte Schauspielfassung des Stoffs, in der Malvolio angepinkelt und mit dem Brandeisen traktiert wird.

Es sei darauf hingewiesen, dass es bei diesem Ballett eine komplette Zweitbesetzung gibt. Die nächste Vorstellung am 21. November wird ein anderes Team bestreiten; wer zeitnah Liashenko, Piza und Co. erleben will, sollte sich stattdessen den 26. November im Kalender ankreuzen. Beginn der Vorstellungen ist jeweils um 19.30 Uhr.

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