Das belgische Orchester Anima Eterna begeistert beim Musikfest Bremen in der Glocke

Wie überflüssig ist der Dirigent?

Von Ute Schalz-LaurenzeBREMEN (Eig. Ber.) · Den „Marsch zum Schafott“, den vierten Satz aus Hector Berlioz' autobiographischer „Symphonie Fantastique“, spielte das belgische Orchester „Anima Eterna“ als Zugabe und der Dirigent Jos van Immerseel erlaubte sich, den Raum nach einer Minute zu verlassen: bei einem so heiklen rhythmischen Stück in so großer Besetzung ein schier atemberaubender Gag.

Natürlich heißt das nicht, dass der Dirigent überflüssig ist. Die Hauptsache der Interpretation – Artikulationen, Klangverhältnisse, Tempi, Dynamik – ist ja in den Proben erarbeitet worden. Und wie gut in diesem Fall, war dann auch zu erleben.

Berlioz' hat wahrlich ungeheuerliche Musik geschrieben, die 1830 zum ersten Mal in der Geschichte der Musik die Tragödie eines Künstlers (der Komponist selbst) zum Thema macht. Immerseel „erzählte“ das alles leidenschaftlich und überdeutlich: die klangfarblichen Intro- und Extrovertiertheiten des Fiebers und der Zerrissenheit im ersten Satz mit der ergreifenden Flucht ins „religiosamente“, das Ausbrechen der gesellschaftlichen Zwänge in der Ballszene, dann das Adagio: die Szene auf dem Land. So langsam habe ich den kontemplativen Satz noch nie gehört, aber Immerseel zwang uns zu einer schwer aushaltbaren Spannung. Das war schlichtweg großartig, was hier die InstrumentalistInnen an Genauigkeit leisteten. Im „Marsch zum Schafott“ gelang es perfekt, den Marsch zu „stauen“, ihn als beängstigend zu präsentieren anstatt in eine manchmal zu hörende Soundpracht zu verfallen. Solches war auch schon abzulesen an der durchweg genauen und feinen, aber auch zurückhaltenden Gestik Immerseels. Er trumpft niemals auf, sondern entwickelt auch mit seiner Körpersprache die Abläufe zwingend aus sich heraus. Und im letzten Satz, dem Hexensabbat, hörte man dann Geräusche, von denen man kaum noch glauben konnte, dass sie aus dem Orchester kommen. Auch diese Aufführung wieder ein hochprozentiger Beweis, dass es zu den Klangfarben der alten Instrumente eigentlich keine Alternative gibt, die nicht irgendwo einfach ein Kompromiss ist.

Der französische Pianist Pascal Amoyel spielte Frédéric Chopins Klavierkonzert in e-Moll auf einem Pleyel-Flügel aus dem Jahr 1841. Die zarten Klangfarben verströmten Intimität und Wärme, die in krassem Gegensatz zu der bekannten blitzenden Steinwaybrillanz stehen. Die bekannte Sensibilität Chopins, der „den Betrieb“ so gar nicht mochte und sich ihm entzog, wo er nur konnte, wird dadurch sehr klar. „Schrift der Seele in Tönen“ hatte André Gide die Musik von Chopin genannt und genauso traumhaft spielte Amoyel sie. Und eingangs gabs einen netten Begabungsnachweis: die C-Dur Sinfonie des siebzehnjährigen Georges Bizet. Das ist ein unterhaltsames Stück mit vielen Versuchen, gegenüber Haydn, Beethoven, Mozart, Rossini – die man alle hört – eigenständig zu sein. Ob das Stück die Wiederbelebung lohnt? Ich meine trotz der Sorgfalt, die ihm in dieser Aufführung widerfuhr, eher nicht. Bizet hat ja denn auch später selbst gesagt, für die Sinfonie sei er nicht geschaffen. Nicht endenwollender Beifall noch nach elf Uhr.

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