„Rastlos“ feiert an der Staatsoper Hannover Premiere – im Stream

Überdurchschnittliche Elastizität

Perspektivenwechsel, Interviews und jede Menge Details: Eine Premiere im Stream hat auch in Hannover durchaus etwas für sich.
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Perspektivenwechsel, Interviews und jede Menge Details: Eine Premiere im Stream hat auch in Hannover durchaus etwas für sich.

Hannover – Lockdown hin oder her, die hannoversche Oper arbeitet rastlos weiter. „Rastlos“ heißt dann auch die neue Produktion des Staatsballetts, die jetzt im Opernhaus Premiere hatte – sogar am vorgesehenen Tag, aber im Stream.

Das Programm besteht aus drei Teilen, Ballettdirektor Marco Goecke hat diesmal keine eigene Choreografie beigesteuert. Seine Auswahl umfasst höchst unterschiedliche Stilistiken, auch der Bekanntheitsgrad der Beteiligten variiert. So ist der Name des Brasilianers Juliano Nunes, Jahrgang 1990, hierzulande wohl noch nicht überall geläufig – tatsächlich ist das Stück „Moonlight“ sein allererstes Auftragswerk in Deutschland. Und entpuppt sich als ganz großer Wurf. Gleichzeitig als sehr spezielle Würdigung im Beethoven-Jahr, erklingt als Musik doch der 3. Satz der „Hammerklaviersonate“. Die im Titel des Abends verheißene Rastlosigkeit kommt hier eher als ein ständiger Fluss daher: Unablässig entwickeln sich aus den Reihen der neun Tänzerinnen und Tänzer neue Formationen, auch an Soli mangelt es nicht. Zuweilen umrahmen fast statuarische Posen den Tanz der jeweiligen Protagonisten und heben diese dadurch um so mehr hervor. Obwohl das Bewegungsvokabular im Detail nicht unbedingt revolutionär ist, fügt es sich im Gesamtbild doch zu etwas Neuartigem. Es gibt klassisch anmutende Drehungen, einige Elemente scheinen dem Ausdruckstanz entlehnt, und manche Sequenzen erfordern eine überdurchschnittliche Elastizität des Körpers.

Das reduziert-stimmungsvolle Bühnenbild und die Kostüme mit einer geschlitzten Beinbekleidung, beides von Thomas Mika entworfen, tragen ebenso wie Susanne Reinhardts Lichtdesign erheblich zur Gesamtwirkung bei. Eine zugleich abstrakte und emotionale Choreographie, bei der das coronabedingte Berührungsverbot überhaupt nicht auffällt.

Diesbezüglich war der Umgang mit dem zweiten Programmpunkt einfacher, denn bei „Double You“ handelt es sich um ein Solo. Es stammt von Jiri Kylián, als vielfach ausgezeichneten Pionier in Sachen moderner Tanz fast schon ein Klassiker. „Double You“ entwickelte er 1994 für Gary Chryst, der damals die 40 überschritten und somit ein für einen Tänzer nach den gängigen Maßstäben recht hohes Alter erreicht, außerdem zu diesem Zeitpunkt gerade einen guten Freund verloren hatte. Ballettmeister Urtzi Aranburu hat das Stück in Hannover mit mehreren Solisten einstudiert, bei der Premiere übernahm Tommy Rous den Part.

Das Öffnen und Schließen des Vorhangs spielt dabei eine Rolle, zwei große Pendel schwingen als Sinnbild für das Schicksal auf der Bühne hin und her: Die Choreografie zeigt eine Art Lebensreise, zunächst in aller Stille, später unterlegt mit Bach-Musik. Der Tänzer sieht sich unterschiedlichen energetischen Zuständen ausgesetzt, muss zuweilen betonte Mimik einsetzen, aber auch längere Passagen mit dem Rücken zum Publikum bestreiten. Teils intensiv, teils anrührend, teils etwas vage.

Schluss- und Kontrapunkt bildet dann Luká Timulaks Choreographie „Masculine/Feminine“. Ein spezieller Beitrag zur Genderdiskussion, ein durch den Bestseller „Men are from Mars, Women are from Venus“ inspiriertes Spiel mit Klischees: Es gibt weibliche Schreckschrauben, männliche Dussel und auch schon mal eine Besetzung gegen das Geschlecht. Man mag‘s lustig finden und vielleicht ein wenig albern, von der Dramaturgie her fügt sich dieser vergleichsweise leichtgewichtige Part jedenfalls stimmig in den Gesamtablauf ein. Und wer sich bislang nicht vorstellen konnte, dass auch ein weggetretenes Vorsichhinstarren – nach dieser Interpretation offenbar eine maskuline Domäne – Platz in einer Choreografie finden kann, sieht sich hier eines Besseren belehrt.

Bei alledem bietet dieses Projekt einen besonders guten Anlass, über Präsentationsformen nachzudenken, und zwar gerade weil die filmische Umsetzung sehr ausgefeilt daherkommt. Es hätte durchaus eine gewisse Logik, das Geschehen fortlaufend in der Totalen zu zeigen – immerhin nimmt es der Ballettbesucher, sofern er sich nicht mit einem Opernglas ausgestattet hat, üblicherweise eben so wahr –, doch hat man sich hier für einen anderen Weg entschieden. Es gibt Perspektivwechsel, Details werden hervorgeholt und teilweise genau genommen durch diesen Zugriff erst voll sichtbar gemacht, etwa die Mimik, die bei Timulak und vor allem bei Kylián einiges Gewicht hat.

Und wenn dann noch in den Umbaupausen durchaus interessante Interviews mit Beteiligten dazukommen, könnte plötzlich die ketzerische Frage im Raum stehen, ob diese Form der Umsetzung vielleicht sogar eine überlegene sei. Sie ist jedoch letztlich zu verneinen: Die Kameras können eine zusätzliche Ebene der Aufführung bieten, aber niemals einen Ersatz dafür – es fehlt eben die Unmittelbarkeit des Erlebens, echte Schwingungen zwischen Vortragenden und Publikum bleiben aus. Und so hat es zwar etwas Rührendes, wenn die Kollegen nach jedem Programmpunkt für beachtlichen Applauslärm sorgen, aber auch etwas recht Artifizielles.

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Der „Rastlos“-Stream ist noch bis zum 30. Novemberabrufbar auf staatsoper-hannover.de

Von Jörg Worat

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