Über den Raum hinaus: Förderpreisausstellung in der Städtischen Galerie

Leise schwebt der Metalltisch

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Ein jugendlicher Flüchtling oder doch nicht? Teil der Arbeit „Flüchtig“ von Annegret Kon.

Bremen - Von Mareike Bannasch. Hin und her, vor und zurück: Geräuschlos und überraschend sanft rollt der große graue Metalltisch zur Wand. Von versteckten Motoren gesteuert, scheint das schwere Möbelstück zu schweben: Fast glaubt man, sich die Bewegung nur eingebildet zu haben. Ein ausdrucksstarker Umgang mit den Grenzen und Möglichkeiten des Raumes, den Tobias Venditti mit feiner Ironie untermalt. Ein Witz, der preisverdächtig ist – erhält Venditti doch heute Abend den mit 5500 Euro dotierten 38. Bremer Förderpreises für Bildende Kunst.

Nicht nur an dem Tisch mit Informationen zur Ausstellung hat der Künstler Spuren hinterlassen, seine Arbeiten sind in der gesamten Städtischen Galerie verteilt. Allerdings muss man schon sehr genau hinhören, um sie zu entdecken: wie zum Beispiel das leise Klopfen eines Magneten, der gegen einen Pfeiler des Treppengeländers schlägt und sich durch das Metallkonstrukt verteilt.

Auch genaues Hinsehen empfiehlt sich, um zu bemerken, dass die langen Neonlampen im Ausstellungsraum wie von einem Windhauch gesteuert, sanft hin und her pendeln – während sich an der Wand nebenan kleine Türen öffnen und kurz darauf wieder schließen. Ein Spiel mit dem Raum, das leicht und dennoch so aussagekräftig ist, dass man sich ihm nur schwer entziehen kann. Auch die Jury nicht, die in ihrer Begründung schreibt: „Die vermeintliche Bewusstseinstäuschung entwickelt sich zu fast kindlicher Freude angesichts dieser magischen Überformung des Ausstellungsraums.“

Vendittis Installationen sind aber nur ein kleiner Teil der Ausstellung zum Förderpreis. Aus 31 Künstlerbewerbungen wählte die Vorschlagskommission zwölf Teilnehmer für die Schau aus, deren Werke nicht unterschiedlicher sein könnten. So sind neben Installationen, auch Videos, Fotografien und Skulpturen zu sehen.

Dazu zählen unter anderem die Arbeiten von Annegret Kon. Unter dem Titel „Flüchtig“ thematisiert sie eine Debatte, die aktueller nicht sein könnte: die Lage der Flüchtlinge. Aus kurzlebigen Materialien wie Zeitungspapier und Wachs gearbeitet, stehen sie da, ein Vater mit seiner kleinen Tochter, ein Jugendlicher mit seinem Hund und eine verschleierte Frau mit einem kleinen Kind auf dem Arm. Kopftuch, Kapuzenpulli und lockige Haare, da bleibt nur ein Schluss: Es geht um Flüchtlinge. Eine Einordnung, die schnell zur Hand, vielleicht auch richtig und doch Ausdruck einer gewissen Arroganz ist. Dass die Frau auch in Deutschland geboren sein könnte, ist zwar möglich, mit dem getrübten Blick einer zwar offenen, aber dennoch abgrenzenden Gesellschaft allerdings nur die zweite Wahl. Tief gehende Fragen nach Sinn und Unsinn von Zuschreibungen sind es, die Kon mit ihren typhaften Skulpturen stellt – und auf die sie keine Antworten gibt. Vielmehr lädt „Flüchtig“ dazu ein, die eigenen Vorurteile zu hinterfragen und plädiert so hintergründig und eindrucksvoll für Toleranz und mehr als nur einen schnellen Blick.

Mehr als einen Blick sind auch die Werke von Janis E. Müller wert, vor allem „Cream“. Knallorangefarbenes Pigment hat der Künstler zu einem Kreis auf dem Boden verstreut, ein psychedelisches Konstrukt, das nur von schmalen hellen Flächen unterbrochen wird. Freiräume, auf denen zuvor Zahnstocher lagen, die nun aber verschwunden sind und einen Blick auf den grauen Fußboden freigeben. Ein filigranes Werk, das mit der Weite des Raumes spielt und daraus seine Wirkung generiert. Aber nicht nur das, auch der Kreis selbst hat ein Eigenleben. Er pulsiert, verschwimmt vor dem Auge des Betrachters und bildet so einen farbigen und bewegten Kontrast zur klaren und starren Anordnung des Raums – ohne dabei wie ein Fremdkörper zu wirken.

Eine Sicht, die wohl auch der unbekannte Schuhträger teilen kann, der irgendwann in den vergangenen Tagen mitten durch das Werk gelaufen ist, und dessen Fußabdrücke nun die Arbeit zieren. Ein Eingriff in seine Installation von der Müller noch nichts weiß – er ist erst heute für die Eröffnung der Schau wieder in der Galerie –, die für Kurator Ingmar Lähnemann aber einer mittleren Katastrophe gleichkommt. Sicher, es ist mehr als unglücklich, wenn jemand einfach durch das Kunstwerk latscht, aber es zeigt auch, dass Janis E. Müller eben nicht nur einfach bunten Staub auf den Boden gestreut hat. Vielmehr ist es ihm gelungen, seine Installation zu einem Teil des Raums zu machen, starre Abgrenzungen aufzuweichen und sich über vorgefundene Begebenheiten hinwegzusetzen. Darin schließt sich der Kreis zu den anderen Künstlern. Ihnen allen ist eins gemein: Der Raum bleibt nicht nur einschränkende Struktur, sondern wird vielmehr zum Startpunkt. Startpunkt für ein Spiel mit den Gegebenheiten, bei dem viel mehr möglich ist, als es auf den ersten Blick scheint.

Ausstellung zum Bremer Förderpreis, von morgen bis zum 3. Mai, Städtische Galerie Bremen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 12 bis 18 Uhr, Montag geschlossen.

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