Mozarts Oper „La Betulia Liberata“ im Bremer Dom

Tyrannenmord ohne Heldenmut

Von Ute Schalz-LaurenzeBREMEN (Eig. Ber.) · Der St. Petri-Dom selbst war das Bühnenbild zu Wolfgang Amadeus Mozarts früher „Azione sacra“ – geschrieben 1771 im Alter von fünfzehn Jahren – und daraus wurden bei der Aufführung durch die bremische Hochschule für Künste alle Konsequenzen gezogen.

Von der Sandstraße aus betrat man den Dom, irrte im Halblicht durch einen Wald und gelangte in die belagerte Stadt Betulia mit ihren Trümmern in den Seitennischen und ihren geheimnisvollen Farben. Das Publikum war Teil der Bevölkerung, bekam später auch Wasser gereicht. Nun entfaltete sich über die gesamte Fläche des Altarraumes das Geschehen: Der Belagerer Holofernes – der nicht auftritt – hat die Versorgungszufuhr abgeschnitten, es entstehen Diskussionen über den weiteren Widerstand und/oder die Kapitulation und damit die Frage nach Gott. Die Witwe Judith handelt, verführt Holofernes und enthauptet ihn – was von ihr mit dem Kopf in der Hand nur erzählt wird. Wenn man sich der problematischen Akustik im Dom bewusst ist, die noch jeden Musiker vor riesige Probleme stellt, dann war die jetzige Lösung fabelhaft. Die Spielstätten wechselten über die gesamte Fläche und die Arien wurden auf Podesten oder erhöhten fahrbaren Bühnen gesungen, wunderbar weit tragend und verständlich.

Der dramaturgisch etwas verunglückte Gattungszwitter ist nicht wirklich bühnentauglich, aber dass man ihn 2006 in der Salzburger Retrospektive des frühen Mozart einfach ausließ, ist sicher eine falsche Entscheidung. Zu psychologisch, theatralisch und zu gut ist einfach die Musik des jungen Genies. Der Regisseur Gregor Horres, Ausstattungsleiter Kai Lehmann vom Fachbereich Kunst und Design und der musikalische Leiter Thomas Albert führten die Studenten in eine überragende, mehr als sehenswerte Leistung: Die Kostüme mit ihren Filzen, Pelzen, verdreckten Lappen, Masken, und vielem anderen mehr waren von einem Einfallsreichtum, der für sich schon Aufmerksamkeit auf sich zog. Die Aktionen der verzweifelten Menschen könnte man dramatischer kaum ausarbeiten. Deutlich wurde die zeitlose Auseinandersetzung darum, ob Tyrannenmord ein legitimes Mittel ist: Judiths mutige und entschlossene Tat wird im Werk in keiner Weise heroisiert. Und die Musik ließ keine Wünsche offen in Bezug auf Klangfarben, Artikulation und Rhetorik. Das erweiterte Hochschulorchester konnte den Nachweis eines unterschätzten Werkes beglückend erbringen. Besonders in den Arien ist schon so viel von Mozarts späterer, so perfekter Psychologisierung zu hören, dass man nicht zu viel sagt, wenn man die Aufführung als ein Muss für jeden Mozartliebhaber bezeichnet, wie Thomas Albert erklärte. Dazu trugen auch die Sänger bei: Nina Böhlke als Judith, Jan Hübner als Ozia, weiter Marie Christine Haase, Miroslaw Stricevic, Katharina Kühne und Friederike Paar.

Extra erwähnt werden muss natürlich auch die Kooperation mit dem Dom, die der Gemeinde Grenzwertiges besonders in der fast dreiwöchigen Räumung der Schiffe abverlangte. Denn über die aufführungstechnischen Probleme hinaus gingen über ein halbes Jahr auch theologische Beratungen und Gespräche voraus, die einen anspruchsvollen Output im Programmheft hatten. Der Respekt vor dem Raum und damit dem Thema war der Aufführung nicht nur am Ende, wenn die gottesgläubige Judith und Ozia sich dankbar gegen den Altar wenden, sondern im ganzen Konzept anzumerken.

Weitere Aufführungen: morgen sowie am 25., 26. und 27. Juni, jeweils um 21.15 Uhr. Nach der Vorstellung am 24. Diskussion mit dem Regisseur, am 27. um 10 Uhr die „Opernpredigt“.

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