„Idiom“: Claudia Medeiros Cardoso stellt in der Bremer Galerie Herold aus

Twittern über den Tellerrand

Der Bautrupp kommt: Plakat als Sampling. ·

Bremen - Von Rainer BeßlingEs ist eine dieser Stipendiatenwohnungen. Eher karg, aber mit den Nutzungsspuren vieler Vorgänger, das heißt voll von abgelagerten Geschichten und Biografien.

Um den Raum heimelig zu gestalten, schmückt Claudia Medeiros Cardoso die Wände mit Fotografien, Porträts wie aus Familienalben. Die Abgebildeten sind der Neubewohnerin allerdings fremd. Cardoso fand die Fotos in einem Trödelladen. Nun finden sie sich auf einem Plakat wieder, das in der Bremer Galerie Herold zu sehen ist. In der Mitte des Blatts in Stadtwerbungsformat steht: „i find foreign memories on the streets and keep them as if they were mine.“

Die Arbeit ist programmatisch: Fremde Orte und Erinnerungen, eigene und fremde Biografien, gefundene und erfundene Bilder und Geschichten, das sind die Themen, die die gebürtige Brasilianerin umtreiben. 20 Jahre lebte Claudia Medeiros Cardoso in Bremen, seit einigen Monaten wohnt sie wieder in ihrer Heimatstadt Sao Paulo. Vertrautheit hat sich noch nicht eingestellt. Obwohl sie die Stadt nahezu jährlich für einige Wochen besucht hat, ist sie der Künstlerin fremd geworden.

Das Leben und das Empfinden zwischen zwei Kontinenten und Kulturen, dazu Stipendienaufenthalte in China und den USA, haben die Künstlerin nirgendwo ganz ankommen lassen, vor allem sensibel gemacht für die Anziehungs- und Abschreckungskräfte verschiedener Länder und Städte. Ihr Blick richtet sich nicht vorrangig auf Architektur und Topographie, sondern auf Texte im urbanen Raum, auf Graffiti, Plakate, Schilder. So wie visuelle Eindrücke bestimmte Sätze assoziieren lassen, rufen Wörter und Wendungen entsprechende Bilder auf. Die Künstlerin liest die Stadt wie ein Buch, ähnlich wie bei einer Romanlektüre taucht sie in eine andere Welt ab, löst Imagination von der Betrachtung und Vorstellung vom Objekt. Bei Claudia Medeiros Cardoso ist das Vagabundieren der Wahrnehmung zwischen Wort und Bild zur künstlerischen Strategie geworden.

Über viele Jahre plakatierte sie im Stadtraum geborgte und eigene Sätze, Funde und Erinnerungen, Beobachtungen und Reflexionen von Räumen. Orte werden so mit Titeln und Kommentaren konfrontiert, ein Sampling, das Spontaneität bewahrt. Viele Sätze stammen aus dem Netz, dem Surfen in fremden Gedanken. Die Künstlerin bloggt und twittert. Nicht nur beim Gang durch die Städte hört sie Sätze, die ihr die Community zuflüstert. Sprachparanoia. ein unaufhaltsamer Strom, der jede Bewegung und Beobachtung begleitet.

In der Galerie Herold zeigt Cardoso nun Plakate für den Innenraum, in denen sich Stadtwelt und Wortkosmos treffen. Im Brückenschlag zum städtischen Bildangebot kleben die Plakate an der Wand. In einem besteht der Text aus einem Wort: „conflict“. Man sieht den Grundriss von Sao Paulo, ein Stadtteil ist geschwärzt, daneben findet sich wie im Schattenriss die Konturen von Geiern auf einem Vordach.

„Fighting to be Conceptual“ steht auf einem anderen Plakat. In der oberen Hälfte liegt ein aufgeschlagenes Buch auf einem Bett. Miranda July hat es geschrieben, Künstlerin, Regisseurin, Schauspielerin, Musikerin, Autorin, Star der Independent-Szene. Der untere Bildteil zeigt ein achsengespiegeltes Foto, eine auf die Seite gelegte Straßenbauszene, Absperrhütchen wie Spielmaterial einer Installation.

„Swimming in the soup“ ist in einer anderen Collage das Sinnbild für einen Mangel an Distanz und einen beschränkten Blick, der über den eigenen Tellerrand nicht hinausgeht. Der Aufmarsch zweier Arbeiter erinnert an ein traumatisches Erlebnis: Gerade sitzt die Künstlerin noch plaudernd im Straßencafé, da reißt ein Bautrupp plötzlich die Fahrbahn auf. „Lights on“ zeigt den geblendeten User vor dem Monitor. Der Overkill an erhellenden und aufklärenden News lässt das Gesicht verblassen.

Das Foto eines leeren Zimmers zeigt das ehemalige Zuhause einer alten Frau. Wieder so ein privater, mit Erinnerungen und ehemaligem Leben gefüllter Ort. Wieder solch eine Suche nach Biografie. Verbirgt sich darin die Sehnsucht nach der eigenen Biografie? „Idiom“ lautet der Titel der Galerie-Schau und „if i could tell the truth“. Beobachtung und Biografie schließt das Verlangen nach Wahrhaftigkeit ein. Welche Sprache, die nicht in der Redewendung und Phrase steckenbleibt, lässt dies zu? Cardoso fischt in den Zuflüsterungen nach dem, was sich festzuhalten lohnt.

Galerie Herold, Güterbahnhof

Bremen, bis 10. Juli

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