Schönklang-Aggregat: Der Pianist Ludovico Einaudi mit Ensemble in Bremen

Die Turiner Pfote

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Liefert den Soundtrack zum zenmäßigen reinen Sein: Ludovico Einaudi. ·

Bremen - Von Tim SchomackerMit einer gewissen Faszination lässt sich bisweilen beobachten, wie Technik zurückschlägt auf das, was sie eigentlich erleichtern, optimieren, wo sie eigentlich behilflich sein soll.

Der reichliche Gebrauch der Nebelmaschine etwa, den das Konzert des italienischen Komponisten und Pianisten Ludovico Einaudi in der nahezu ausgebuchten Bremer Glocke vorsah, produzierte – so beißend und reizend, wie er gelegentlich bis in den zweistelligen Parkettreihenbereich vordrang – gelegentliche kontrapunktische Huster. Trockenes Spätwinterwetter eben.

Vor allem aber keuchte die Belüftungsanlage, die sich unter dem Hallendach rege mühte, den Rauch aus dem Saal zu saugen, ein beeindruckendes Continuo über die gesamte Spielzeit. Außer für die wenigen, denen derlei Beobachtungen Vergnügen bereiten, ist dies einer Musik, die sich vielleicht nicht so sehr um Nuancen bemüht, aber immerhin auf vereinzelten Klängen, isoliert intonierten Dreiklängen und dezent repetierten Tonfolgen fußt, nicht eben zuträglich.

Einaudi ist der Spross des legendären gleichnamigen Turiner Verlagshauses, das fast im Alleingang die eigene und übersetzte literarische Moderne für die italienische Sprache erschloss. Italo Calvino war dort Lektor über Jahrzehnte. Längst ist Einaudi in Berlusconis Mondadori-Imperium aufgegangen. Längst hat der Markt vieles kassiert von dem, was Ludovico einst am Mailänder Conservatorio Giuseppe Verdi studiert haben mag.

Übrig geblieben sind minimalistische Grundmuster – für deren Entfaltung sich weiland Komponisten wie Philip Glass oder John Adams deutlich mehr Zeit ließen. Und Zeit ist schließlich der Punkt bei einer vor allem auf Wiederholung von Figuren aufgebauten Musik. Übrig blieb auch eine Musik, die sich für das Kino zu interessieren scheint – doch wie viel weniger selbstbewusst kommt Einaudis Musik daher, verglichen mit der ausgeprägten italienischen Tradition, die sich so schön auf einen Begriff bringen lässt: Morricone. Angstfrei (aber nicht ohne Augenzwinkern) dem Pathos begegnet zu sein, dem Kitsch, dem schwülstig Hymnischen und dabei zwischen Harmonika und Elektrogitarre etwas ganz eigenes geschaffen zu haben, dafür wird diese musikalische Tradition dereinst stehen. Einaudi wird in einer Fußnote vorkommen, maximal.

Gleichwohl ist es ein Film, der den großen Glockensaal so zahlreich (und vor allem jung) gefüllt haben dürfte: Zu „Ziemlich beste Freunde“, der französischen Erfolgskomödie von Olivier Nakache und Éric Toledano, steuerte Einaudi die Musik bei. Müßig darüber nachzugrübeln, ob nicht John Waters‘ bizarr-fröhlicher Film „Pecker“ oder Lukas Moodyssons „Fucking Åmål“ über eine junge lesbische Liebe in einer schwedischen Kleinstadt die besseren Filme über „unmögliche Freundschaften“ sind.

Doch wenn die Musik vorn auf der Bühne so wenig will von einem, kommt man kaum umhin, eigenen und eigenartigen Gedanken nachzuhängen: Wie würde Brechts Gedicht über die schwangere erste Geigerin gelautet haben, die dies nur spielen muss, um die neue Familie durchzubringen? Wie würde die Einaudi-Atorin Natalia Ginzburg dieses Schönklangaggregat erzählen, wenn sie heute noch einmal das norditalienische Bürgertum sich an sich selbst aufreiben ließe in einem Roman? Wie würde ein Klavierduo von Ulla Unseld-Beréwicz und Hans Barlach eigentlich klingen? Und: Hat das Knappdutzend da vorn eigentlich Spaß beim Musizieren? Schließlich: Hat man gar etwas grundsätzlich missverstanden und schlicht keinen Zugang zu dem zenmäßigen reinen Sein dieser so offensiv leisen Kompositionen, die da auf der showbeleuchteten, immer wieder einzelne Stimmen optisch hervorhebenden Bühne vorgestellt werden?

Klar ist das ungerecht. Aber warum muss es gerecht zugehen, wenn man zugleich konstatieren muss, dass der Lichtmeister bei spektakulären Perfektionisten wie DJ Bobo oder Lady Gaga das Tournee-Ende wahrscheinlich nicht erlebt hätte. Wo bitte geht’s zum nächsten Fahrstuhl?

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