„Turbostaat“-Gitarrist im Interview

"Nicht für den gelegentlichen Ersthörer geschrieben"

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Gitarrist Marten Ebsen (r.) schreibt für „Turbostaat“ und Sänger Jan Windmeier (l.) die Texte.

Bremen - Mit dem Album „Stadt der Angst“ ist die Band „Turbostaat“ derzeit auf Tour. Durch die Metropolen und die großen Dörfer. Am 5. Dezember stellt die Band ihr Album im Bremer Lagerhaus vor. Gitarrist und Songschreiber Marten Ebsen im Interview.

Was verbindet eine Flensburger Band mit der Stadt Bremen?

Marten Ebsen: Eine gewisse Affinität gibt es. Wir sind immer in Bremen gewesen. Anfangs in der Friesenstraße (Jugendzentrum Friese), dann in der Grünenstraße (G18), jetzt im Lagerhaus. Wir waren früher häufiger in Bremen auf Demonstrationen. Es gab immer eine sehr aktive Szene. Wir haben viele Bekannte und Freunde, und einige aus der Zeit kommen immer noch zu unseren Konzerten. Worauf zielte die Frage ab?

Auf den Albumtitel „Stadt der Angst“.

Ebsen: Der Song geht ja eigentlich gar nicht um eine Stadt, die Stadt ist nur eine Analogie. Man hätte es auch „Hort der Angst“ nennen können, da es mehr um die Angst geht als um das Städtische, das Urbane.

„Turbostaat“-Texte sind verworren, nicht klar und frei für Interpretationen. Benutzten Sie die Analogien mit Absicht als Stilmittel?

Ebsen: Ganz bestimmt. Ein paar Sachen sind mit Absicht, aber andere sind Ausdruck oder eben die Art des Denkens und wie man an Sachen herangeht. Dem ganzen liegt schon zugrunde, dass man versucht, Geschichten, Analogien zu schreiben, die Dinge aussagen aber nicht direkt benennen. Also, dass man eher hermeneutisch an die Sachen herangeht, damit man sich Stück für Stück mehr erarbeiten kann und dem Kern näher kommt. Für den gelegentlichen Ersthörer ist es nicht geschrieben.

Ganz einfach gefragt: Was wollen Sie mit der Musik aussagen?

Ebsen: Das ist schwer. Es ist ein Ausdruck des Lebensgefühls, es sind die sozialen und politischen Werte, die in einer Person stecken. Wir wollen nicht aussagen, dass dieses oder jenes an- oder abgeschafft werden soll. Bei 50 Liedern sind das eben auch 50 Felder, über die man schreibt. Es ist eine Reflexion des eigenen Lebens, der westlichen Konsumgesellschaft.

In Bezug auf die Gesellschaft sind die Texte etwas bedrückend und ängstlich.

Ebsen: Ja, das ist richtig gedeutet. Es gibt ja auch viele Dinge, die jetzt nicht in Ordnung sind, wenn man sich Alltägliches anschaut.

Sind die Texte gegen die Verwaisung der Gesellschaft und für das Miteinander und die Achtsamkeit?

Ebsen: Ja, auch wenn man das nicht in einem Jugendgruppenkontext sehen sollte, sondern globaler. Also es geht um ein Miteinander, zu dem alle gehören und nicht eine bestimmte Gruppe. Also nicht nur Deutschland oder meine Heimat.

Im Vergleich zum düsteren Vorgänger-Album „Island Manöver“ ist „Stadt der Angst“ direkter und konkreter. Was hat sich getan?

Ebsen: Ja, wir hatten Lust, etwas Konkreteres zu machen. Auch was den Sound betrifft. Wir haben beschlossen, mehr zuzulassen, was zum Beispiel rein musikalisch die Rhythmen oder Melodien betrifft. Und auch die Aufnahme ist konkreter. Vorher haben wir uns vors Mikrofon gestellt und alles aufgedreht, jetzt gab es auch mal Trennwände dazwischen, und wir haben versucht, etwas detaillierter aufzunehmen.

Inwieweit lassen Sie sich von dem Gedanken lenken, dass die Musik radiotauglich, massenkompatibel und gut zu verkaufen sein muss?

Ebsen: Ich versuche, das so weit und so lange wie möglich auszusperren, weil diese Gedanken Gift sind für das Machen. Man merkt das an der heutigen Musiklandschaft, in der fast alles ausschließlich durch diese Gedanken und die Philosophie, die dahinter steckt, geprägt ist. Es muss schnell eine Hookline, es muss Hits auf der Platte geben. Das wird einem jeden Tag ins Gesicht gebrettert aus dem Radio. Das könnte man auch noch weiter fassen, beispielsweise auf den Literaturmarkt. Das sind so ausgefeilte Mechanismen mittlerweile, die alles bestimmen. Das versuche ich möglichst weit auszusperren, aber das gelingt natürlich nicht. Und am Schluss, wenn alles aufgenommen ist, muss man über solche Sachen reden.

„Turbostaat“ wird nachgesagt, nordische Melancholie in der Musik zu haben ...

Ebsen: Ich bin nunmal im Norden aufgewachsen. Ich komme vom Meer, das wird sicher geprägt haben. Aber das, ich das an mir sehe, kann ich nicht sagen. Vom Produzenten bis hin zu Journalisten sagen einem alle diese norddeutsche Wehmut nach. Und irgendwann sagt man halt „Okay“. Es ist nichts, was wir bewusst einsetzen.

Wie würden Sie selbst Ihren Stil beschreiben?

Ebsen: Sicherlich können wir sagen, wir machen deutschen Punkrock mit knatschigen Texten und der Sänger schimpft meistens. Dass die Lieder häufig in Moll sind und melancholisch. Aber einen gewissen Stil forcieren wir nicht. Wir spielen das, was wir sind. Aber, dieses Traurige, Weite hört man wahrscheinlich immer raus, auch wenn wir „Like Ice in the Sunshine spielen“.

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