Mirko Borscht inszeniert Elfriede Jelineks „Tod-krank.doc“ am Theater Bremen

In Tüll am Kreuz

Düsternis mit Schlager: Die Inszenierung von Elfriede Jelineks „Tod-krank.doc“ von Mirko Borscht kann im Ergebnis nicht ganz überzeugen. ·
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Düsternis mit Schlager: Die Inszenierung von Elfriede Jelineks „Tod-krank.doc“ von Mirko Borscht kann im Ergebnis nicht ganz überzeugen.

Bremen - Von Andreas Schnell. Es ist in der Tat nicht abwegig, Elfriede Jelinek, zumindest aber ihr jüngeres Werk barock zu lesen.

In schier endlos mäandernden Sätzen klingen, wie in der barocken Polyphonie, viele Stimmen wieder. Eine gewisse prunkvolle Düsternis ist obendrein nicht zu übersehen – ein Hang zu mythischen und religiösen Bildern. Insofern ist Mirko Borschts Lesart von „Tod-krank.doc“, das am Freitagabend im kleinen Haus in Bremen Uraufführung hatte, plausibel.

Dass selbstredend weit mehr in Jelineks Werk steckt, eingeschliffen in die beinahe schon sprichwörtlichen Textflächen, ist ihm allerdings auch nicht entgangen. Auch wenn „Tod-krank.doc“ – geschrieben vor rund fünf Jahren für Christoph Schlingensiefs Opernprojekt „Mea Culpa“ – nicht zuletzt von den letzten Dingen handelt, von Leben und Tod, ist Jelinek durchaus auch hier noch wortgewaltige Gesellschaftskritikerin.

Da wäre zum Beispiel die Sache mit Joseph Fritzl, jenem Österreicher, der seine Tochter jahrelang in einem Keller unter seinem Haus gefangen hielt und mehrere Kinder mit ihr zeugte. Gewohnt drastisch erzählt Jelinek aus Fritzls Perspektive von dieser Pervertierung des Familienideals. Zwar ist „Tod-krank.doc“ weit weniger politisch als „Aber sicher!“, Jelineks im Frühjahr uraufgeführte Fortschreibung ihrer Finanzkrisenbearbeitung. Und doch findet sich im lakonischen Schluss dann doch die Kritik metaphysischer Sinnkonstruktionen. „Darf ich Ihnen einen Rat geben? Es gibt keinen Rat. Aber danke, dass Sie gefragt haben!“

Diesem Text-Trumm nähert sich Borscht mit viel Nebel, Lautstärke und ikonischen Bildern. Dabei hat er den Text für den über zweistündigen Abend umgestellt: Er beginnt mit „In der Krankheit“, dem eigentlich dritten Teil, der sich explizit mit Schlingensiefs Krankheit auseinandersetzt, in deren Verlauf ihm ein Lungenflügel entfernt wurde. Aus dem Nebel taucht das Ensemble auf, in Lumpen gekleidet, hustend, röchelnd und spuckend. Und dann geht es los, mit grimmigem Humor. Immer wieder ist vom „Blutkuchen“ die Rede, der sich bildete, wo einst die halbe Lunge war. Und wir sehen auch auf der Bühne reichlich Innereien, eine der Figuren hat etwas Glibberiges in der Hand, von dem ab und an genascht wird.

Die Düsternis der Welt – sie durchzieht auch die anderen Bilder, die Borscht mit seinem Bühnenbildner Christian Beck entworfen hat. Immer wieder Nebel, durchzuckt von Blitzen, und dann diese Musik: Mal sind es unfassbar traurige Barock-Arien, mal ist es rumpelnder Punk, mal apokalyptischer Metal mit Gedärm-Prügelei – und zwischendurch gibt es Schlager: ein Wechselbad der Gefühle in der Dunkelheit.

Ein bisschen zu sehr verliebt sich Borscht dabei in seine Bilder, den Pomp die Motivik – am Ende wird sogar gekreuzigt. Er zieht alle Register: projiziert Arientexte an die Wand, lässt ein paar selbstgemachte Filme über den Bildschirm zucken, Gabelstapler auf der Bühne herumfahren, Käfige von der Decke hängen und Teile des Ensembles düsteren Engeln gleich im Raum schweben. Und einen Tintenfisch, einen echten – wenn auch toten – gibt es auch, der sich einiges gefallen lassen muss.

Das kleinere Problem ist dabei, dass das nicht selten an allzu bewährte Schock-Strategien erinnert, die in den achtziger Jahren populär waren. Ein größeres schon, dass über all dem visuellen Gelärme die Sprache ein bisschen zu oft unter die Räder kommt, ganz besonders und besonders ärgerlich im zweiten Teil „Im Bus“, der bei Jelinek erst der vierte ist: Dort arbeitet sich Karin Enzler aus Bauarbeiterperspektive an einem Münchner Unglück ab, bei dem ein voll besetzter Autobus durch die Decke einer im Bau befindlichen U-Bahn brach. Große Teile ihres Textes muss sie zu markanten elektronischen Beats sprechen, zudem ist auf ihrem Mikrophon ein eigenartiger Effekt geschaltet, sodass sich eher erahnen lässt, wie virtuos sie den Jelinek-Sound verinnerlicht hat.

Im Anschluss an „Im Bus“ folgt „Im Keller“ über Fritzls Privathölle, wo sich der bullige Michael Janssen, den Borscht wie auch Susanne Meyer von seiner letzten Bremer Produktion „Larger Than Life“ mitbrachte, als psychopathischer Vater bewährt, wobei es auch hier gelegentlich noch Verständnisprobleme gab. Im Großen und Ganzen allerdings macht das Ensemble, zu dem auch noch Mathieu Svetchine, Gabriele Möller-Lukasz, Betty Freudenberg und Lisa Guth gehören, seine Sache mehr als ordentlich.

Es endet bei Borscht dann wie bei Jelinek: „In der Hölle“. Szenisch geht er dabei gewissermaßen zurück auf Los: Nebel, Stroboskop, ein Countertenor singt Scarlatti, ein Mann in Tüllrock (Janssen) wird am Kreuz hochgezogen, ein Adler fliegt ihm hinterher und – nein, pickt ihm nicht die Leber aus, sondern schmiegt sich an ihn. Noch so ein Bild, das lange dasteht, ein wenig irritiert, weil es ein Ebene eröffnet, deren Zusammenhang mit Jelineks Vorlage fraglich scheint. Aber das geht einem bei der Lektüre ja auch manchmal so. Was bleibt, sind einige starke Bilder und das Gefühl, dass Borscht seine Ideen dem Stück auch aufzupropfen bereit ist, wenn es sich von allein nicht fügen will. Borscht beweis durchaus Chuzpe, die Inszenierung kann im Ergebnis aber nicht ganz überzeugen.

Weitere Aufführungen: 4., 12. und 18. Dezember,18. und 31. Januar, jeweils um 20 Uhr

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