Sanya Kantarovsky in der Bremer „Gesellschaft für aktuelle Kunst“

Tücken der Bilderschau

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„You Are Not an Evening“ untertitelt Sanya Kantarovsky seine Installation in Bremen. ·

Bremen - Von Rainer BeßlingFünf Tafeln, in monumentalen Hemden und Jacken gehüllt, reihen sich mitten im Ausstellungsraum hintereinander auf. Der eintretende Besucher könnte auf Publikum treffen, das gerade vor der Rückseite der textilen Objekte in die Bildbetrachtung vertieft ist. Dann werden unter den Tafeln Beine sichtbar, die sich mit den Kleidungsstücken zu einem slapstickhaften Anblick verbinden.

Sanya Kantarovsky lässt in der Bremer „Gesellschaft für aktuelle Kunst“ nicht nur den Ausstellungsraum mitspielen, sondern auch den Besucher. Der gebürtige Russe, in New York ansässig, inszeniert Situationen, in denen der Betrachter selbst auf dem Podium steht. Stabkonstruktionen wie Schranken, die im Museum die Exponate schützen sollen, können zugleich wie ein Geländer verstanden werden, das eine Aussichtsplattform absteckt. Das Sehen wird zu einem Bühnengeschehen, das mit Bildern an den Wänden thematisch korrespondiert. Denn auch dort sind Figuren in die Wahrnehmung von Bildern verstrickt sind.

Einer gelingenden Betrachtung scheint dabei meist etwas im Wege zu stehen. In dem Bild „There Are No Intervals Here“ blickt eine gesichtlose Figur an einem stilisierten Geländer eine Treppe hoch, deren Stufen in unregelmäßigen geometrischen Grundflächen auslaufen. Eine gegliederte Abfolge, ein Rhythmus von Abständen und Zwischenräumen sind nicht erkennbar.

Tendenziell sarkastisch fällt Kantarovskys Zusammenschluss von Bild und vorgebeugtem Betrachter in „We and You Gradually Form a Unit“ aus. Gesicht und Gemälde fügen sich bestens in ihrer Farblosigkeit. Fast könnte man meinen, Ratlosigkeit auf seiten des Rezipienten lösche ein kompositorisches Geschehen aus.

In „You Are the Occasion“ erscheint eine Gestalt im Vorbeigehen als noch verschwommener Anlass, als schemenhaftes Ereignis, das von Fluchtlinien und Farbflächen umrahmt wird, dem lauernden zeichnerisch-malerischen Zugriff. „You Become a Pattern“ zeigt eine Figur auf der Schwelle zur Abstraktion. Auch in anderen Arbeiten Kantarovskys verwandeln sich Körper in Muster, erst recht, wenn man sich Hände und Füße wegdenkt. Eine schwarze Wolke schiebt sich in „You Expected Objects“ vor ein Bild im Bild. Bestimmte Erwartungen lösen sich hier offenbar in Rauch auf. Ein von Spannungsreichtum bis zum unverkrampften Neben- und Miteinander reichendes Spektrum im Zusammentreffen von Figürlichkeit und Abstraktion lässt sich aus den Bildern herauslesen. Die Akteure sind tief in dieses Wechselspiel verstrickt, zurechtzufinden scheinen sie sich nicht.

Kantarovskys Protagonisten sind comichafte, skurrile Figuren, die Ähnlichkeiten mit Jacques Tati, dem Kino-Helden des grotesken Scheiterns, aufweisen. Aber auch Vertreter einer Künstler-Bohème, vorzugsweise aus dem Zeitalter der klassischen Moderne, ließen sich identifizieren. Das Bild mit dem vielleicht größten erzählerischen Gehalt trägt den Titel „You Were Welcome Here“. Was den hier wie ein Amtsmensch auftretenden Anzugträger in einem Wirbel von Blättern forteilen lässt, bleibt rätselhaft. Assoziationen an kafkaeske Begegnungen mit bürokratischen Einrichtungen werden wach.

Wenn die Gestalten nicht in Frage oder Frustration verharren, wollen sie nicht recht ins Bildformat passen, fallen etwa zurückgelehnt in einer Art Ruhephase aus dem Rahmen. In „You Are Not Someone Here but Something“ mutiert der Akteur zum Gegenstand. Das Bild ist direkt in eine Wand ecke gehängt, eine eigentlich unmögliche Form der Präsentation. Der Mann scheint in einem gekippten Bildgeviert mit Landschaftszügen an der Ausstellungswand Halt zu finden. Den Kopf an die Wand gelehnt, nimmt er eine Verzweiflungspose ein. Ist er unglücklich in seiner Rolle oder entsetzt über die schlichte Variante des Dialogs von Bild und Raum?

Kantarovsky scheint Klischees zu bedienen, die Malerei angehängt werden. Auch die Einbeziehung des Raums und die Mitwirkung des Betrachters als Erweiterung des Tafelbildes werden zum Thema. Dabei spielt er hintergründig humorvoll mit Konventionen. Gerade indem der Künstler Präsentationsformen und Erwartungen übersteigert, unterwandert er sie.

Eines der riesigen Hemd-Objekte trägt in der Brusttasche ein Bild wie ein Einstecktuch. Die Vorderseite zeigt nach innen, ein Verweis auf das weite Feld der Debatten über die Rückseite des Bildes. Das Einsteckbild ist ausgeformt, der Künstler nimmt also Verlust in Kauf. Gleicht dieser sich dadurch aus, dass das Publikum hier darüber reflektieren kann, ob es Ausstellungsstücke wie Zierrat und Etiketten mit sich herumträgt und ohne wirkliche Beachtung ablagert?

Gesellschaft für aktuelle Kunst, Bremen. Bis 25. August

Di-So 11-18 Uhr, Do 11-21 Uhr Eintritt: 3 Euro

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