Anziehungskraft und Schwere: Nezaket Ekici in der Städtischen Galerie Bremen

Tuch um Tuch

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Standbild aus Nezaket Ekicis Videoperformance „Gravity“. ·

Bremen - Von Rainer BeßlingZum Schluss wird der Atem der Künstlerin immer schwerer. Nur noch die Augenpartie bleibt erkennbar, bis ein schwarzes Tuch den Kopf ganz verdeckt und der Körper zu einer stummen Hülle erstarrt.

„Gravity“ nennt Nezaket Ekici ihre Videoperformance, die noch bis zum 8. Januar 2012 in der Städtischen Galerie Bremen zu sehen ist. Die Schwere des Geschehens spürt der Betrachter in zunehmendem Maße körperlich mit. Doch in dem gut 20-minütigen Filmdokument geht es nicht nur um die physische Last, die selbst leichte Tücher ausüben können. Im Anlegen und Binden der Stoffe vermittelt sich auch der soziale Druck einer Kultur, der in westlichen Gesellschaften zum Politikum geworden ist. Das Kopftuch polarisiert, „Gravity“ lässt diese Debatte aufleben, ohne plakativ Stellung zu beziehen oder anzuklagen.

Nezaket Ekici wurde 1970 in dem türkischen Ort Kirsehir geboren, seit 1973 lebt sie in Berlin. Nach einem Studium der Bildhauerei in München war sie von 2000 bis 2004 in der Performance-Klasse von Marina Abramovic an der Hochschule der Bildenden Künste Braunschweig. Dieser Hintergrund ist auch in „Gravity“ erkennbar: Der Körper ist das zentrale Ausdrucksmittel, emotionale Befindlichkeiten und gesellschaftliche Umstände vermitteln sich über eine Aktion, die in Grenzbereiche vorstößt. Berührte Ekici früher noch mehr die Extreme, gerät der Ausdruck von Bedrängnis und Schmerz in ihren jüngsten Arbeiten subtiler. Formale Geschlossenheit und ästhetischer Anspruch halten den Betrachter lange gefangen, bis sich der Blick für und untergründige Bedeutungsschichten öffnet.

Dabei setzt die Künstlerin auch in den Video-Dokumentationen ihrer Performances auf direkte Ansprache und größte Nähe zum Betrachter. „Energiefluss“ und „Energieaustausch“ seien ihr wichtig, sagte sie in einem Interview. Erst der Resonanzraum im Publikum sorge für kritische Auseinandersetzung. In „Gravity“, Folge 14 der von Marikke Heinz-Hoek kuratierten Reihe „screen spirit continued“, werden wir zum Spiegel eines Aktes der Kopfbedeckung, der in der bewussten Übertreibung und Zuspitzung der Stofflast immer befremdlicher und skurriler wirkt. Das Bedeutungsspektrum des englischen Wortes passt bestens zur Vielfalt der im Film angelegten Assoziationen: Anziehungskraft, Schwerkraft, Feierlichkeit.

Tuch um Tuch legt sich um den Kopf. Muster und Farben der Stoffe erscheinen wie Ornamente, kulturelle Zeichen. Die geschickten Handgriffe der Künstlerin, das Stecken der Tücher, der Faltenwurf verleihen der Handlung einen rituellen Charakter. Grazie und Schönheit schwingen mit, bis der Schmuck seine Funktion als Abschirmung offenbart und die Bewegungen zunehmend anstrengender erscheinen.

Die Dauer der Handlung, die Schichtung der Tücher, die Wiederholung, die Spuren auf und an dem Körper hinterlässt und die Last erhöht, all das ist nicht vorrangig Ergebnis dramaturgischer Erwägungen, sondern geht aus Motiv und Thema selbst hervor. „Jede Performance hat ihre eigene Zeit“, sagt die Künstlerin. In „Gravity“ sind die schlussendlich quälende Länge und der Prozess unverzichtbare Momente der Wirkung.

In der Ambivalenz von rituellem Akt und Zwangshandlung, Ästhetik und Politik bietet Ekici dem Publikum verschiedene Blickwinkel an und lädt das geschilderte Geschehen mit unterschiedlichsten Atmosphären auf. Die Protagonistin zeigt sich mit wechselnden Farben und Mustern, mit mehr oder weniger sichtbarem Mienenspiel wie in wechselnden Identitäten. Sie ist Individuum und Typus, sowohl Akteurin als auch auf eher unbestimmte Weise Opfer.

„Die Antworten nicht kennen, Fragen nicht beantworten, Fragen nicht stellen, auf die es Antworten gibt“, hat die türkische Künstlerin Ayse Erkmen als vorrangige Aufgabe der zeitgenössischen Kunst bezeichnet. Ekici bewegt sich wie Erkmen zwischen den Kulturen. Das mag auch das Pendeln als ihr ästhetisches Prinzip erklären. Diese Dialektik führt nicht zu einem Stillstand, sondern hält den Dialog im Fluss und macht Grenzen durchlässiger: „In meinen Arbeiten“, so Nezaket Ekici, „zeigen sich viele widersprechende Aspekte des orientalischen und europäischen Kulturkreises, die aber nicht auf eine strikte Trennung, sondern auf eine gemeinsame Weltsicht hinarbeiten.“

Nezaket Ekici: Gravity.

Städtische Galerie Bremen.

Bis 8. Januar 2012

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