Jaroslav Rudis schaut in „Nationalstraße“ durch Kneipenfenster auf sein Land

Tschechischer Humor halt

Jaroslav Rudis - Foto: Michael Werner

Bremen - Von Rolf Stein. Im Genre der Witze über Chuck Norris, Sie wissen schon, das ist jener Schauspieler, der für Szenen, in denen er weinen soll, ein Double braucht, ist folgender einer der hübscheren: Auf die Frage, wie viele Liegestütze er schaffe, lautet die korrekte Antwort: alle. Liegestütze spielen auch eine gewisse Rolle im Roman „Nationalstraße“ von Jaroslav Rudi. Auch wenn sich dessen Hauptfigur ihren Spitznamen nicht von Chuck Norris, sondern von Jean-Claude Van Damme herleitet: Vandam nennt sich der Mann, der die „Samtene Revolution“ losgeschlagen haben will. Ganz buchstäblich übrigens.

Danach ging es allerdings nicht unbedingt aufwärts. „Kann gut sein, dass ich früher Blödsinn gemacht hab. Bisschen gerangelt, gedrängelt, geköpfelt. Tschechischer Humor halt.“ Zum Beispiel im Fußballstadion den rechten Arm zum römischen Gruß heben. Was die humorlose tschechische Polizei, zu der Vandam auch einst gehörte, als Hitler-Gruß missverstehen wollte. Dabei sieht er sich lieber als letzten Römer. „Ein Europäer. Nur grad ziemlich zugeknallt.“

Nein, dieser Vandam ist kein sympathischer Schelm wie sein Landsmann Schweijk. Und seine Heldentat, wenn es denn eine gab, liegt lang zurück. Im Grunde spricht die Realität der eher verzweifelten Selbstwahrnehmung Hohn. Er mag seinem Sohn noch so sehr einimpfen, dass er trainieren muss – Liegestütze übrigens: Alle schaffte eben nur Chuck Norris. Vandam ist dann doch eher ein gelegentlich randalierender Lackierer, der manchmal, wenn er bei der Arbeit auf einem Dach steht, üebrlegt, ob er sich nicht hinunterstürzen sollte, wie einst der Herr Papa.

Stattdessen geht er nach Feierabend, genau wie seine Kumpels in die „Severka“, die Kneipe um die Ecke. Und ergeht sich mit fortgeschrittenem Alkoholpegel in nationalen Diskursen: „Wir haben unter den Österreichern gelitten, wir haben unter den Deutschen gelitten und wir haben unter den Russen gelitten.“ Und: „Wir sind die ewigen Opfer, schon immer gewesen.“ Die Nationalstraße, die dem Buch seinen Titel gab, ist nicht nur eine real existierende Straße in Prag – sondern gleichsam auch eine ideologische.

Jaroslav Rudis gibt diesem (Maul-)Helden, den er in einer Prager Kneipe kennengelernt haben will, eine Stimme. Und auch wenn er aus den Litaneien dieses Wutbürgers echte Literatur macht, klingt darin nur umso kenntlicher an, was uns im wirklichen Leben so aus virtuellen Welten entgegenschallt: Unbehagen gegenüber Europa, Hass auf Bonzen und Sozialschmarotzer. Schuld sind immer die anderen.

Das Bremer Theaterpublikum kennt Rudis übrigens aus dem szenischen Konzert „Das Schloss“ nach Franz Kafkas Roman. Der Autor gehört in Tschechien zu den wichtigsten literarischen Stimmen der letzten Jahre, schrieb Theaterstücke, Hörspiele, ein Opernlibretto und macht Musik. Im Sommer zeigt das Theater Bremen die deutsche Erstaufführung des Romans.

Am Montag, 19 Uhr, lesen Jaroslav Rudis und Alexander Swoboda im Noon im Foyer des Kleinen Hauses in Bremen aus „Nationalstraße“.

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