Popstar der Romantik: Eine Biografie porträtiert Hoffmann von Fallersleben als unbeherrschten Polterer

Der Trommler für die deutsche Idee

Kreiszeitung Syke

Von Johannes BruggaierSYKE (Eig. Ber.) · Wer beim Anstimmen der Nationalhymne die erste Strophe erwischt, der hat eine Strafe nicht zu fürchten.

„Deutschland, Deutschland über alles“, steht auf keiner schwarzen Liste und gilt auch dem Verfassungsschutz nicht als Ausweis rechtsextremistischer Bestrebungen. Zu Recht. Wies doch einst sogar Thomas Mann seine amerikanischen Freunde darauf hin, dass „über alles“ ursprünglich keineswegs als Ausdruck des Herrschaftsanspruchs über andere Völker gemeint war. Vielmehr habe der Verfasser des „Deutschlandlieds“ die Idee einer vereinten und freien Nation „über alles“ gestellt. Freispruch also für Hoffmann von Fallersleben? Die jetzt im Wallstein Verlag erschienene Biografie sagt vorsichtig ja und fügt implizit hinzu: aus Mangel an Beweisen.

Hoffmann von Fallersleben war kein früher Nationalsozialist, und es erscheint in der Tat fraglich, ob er mit der späteren kollektiven Interpretation seines Werks einverstanden gewesen wäre. Aber: Von Fallersleben war ebenso wenig ein überzeugter Europäer und Kosmopolit. Er hasste die Franzosen und kehrte von jeglichen Auslandsreisen mehr angewidert als bereichert heim. Der Verfasser des Deutschlandliedes war ein schwieriger Charakter: Jähzornig, arrogant, gerne Kritik austeilend, aber empfindlich, wenn sie ihn selbst betraf. Bernt Ture von zur Mühlen macht es seinem Leser nicht leicht, Sympathien für diesen Mann zu entwickeln. Das ist beunruhigend, weil sein Porträt des Dichters und Gelehrten mitunter Wesenszüge offenbart, in denen sich eine spezifisch deutsche und immer noch gegenwärtige Mentalität abzubilden scheint. Hoffmann von Fallersleben, das ist ein bisschen wir alle.

Aufgewachsen im niedersächsischen Fallersleben, Stadtteil des heutigen Wolfsburg, beschränkte sich seine Konversation in der Jugendzeit weitgehend auf Wirtshausgäste. Als Sohn des Bürgermeisters genoss er Privatunterricht, zählte zu den privilegierten und damit guten Schülern der Gemeinde. Die Besatzung durch Napoleons Truppen prägte ihn ebenso wie die daraus resultierende Franzosenfeindlichkeit der dörflichen Stammtische.

Der junge August Heinrich Hoffmann war keine reflektierende Persönlichkeit, kein Intellektueller, der die Universität als Herausforderung begriffen hätte, als Chance, eingefahrene Denkmuster neu zu hinterfragen. Er war vielmehr der begabte Draufgänger aus der Provinz, ein Aufsteiger, dem die Karriere meist über die Substanz ging. So verwarf er ohne weitere Umstände sein erstes Berufsziel, als Antikenforscher den Gelehrten Johann Joachim Winckelmann zu beerben und wandte sich stattdessen der Erforschung deutscher Literaturgeschichte zu. Für die Antike sollte er sich nie wieder interessieren, sie hatte ihm offenbar allenfalls als Vehikel zur Schaffung einer deutschen Nationalkultur gegolten. Den anspruchsvollen Vorlesungen eines August Wilhelm Schlegel konnte der hypernervöse Student ebenso wenig Geduld entgegenbringen wie Theater- oder Opernabenden – was ihn später nicht davon abhalten sollte, sich selbst als Opernlibrettist zu versuchen und den dürftigen Extrakt allen Ernstes Robert Schumann zur Vertonung vorzuschlagen.

Selbstbewusst polterte Hoffmann gegen die „Philister“, verhöhnte lärmend seine Konkurrenten und forderte trommelschlagend seine Berufung in hohe Ämter ein. Seine Gedichte gaben nicht selten Anlass zum Fremdschämen, der Autor selbst merkte davon nichts.

Wer so auftritt, hat viele Feinde, aber auch bald Erfolg. Insbesondere bei der Erforschung mittelalterlicher Handschriften sollte sich die unbekümmerte Dreistigkeit als vorteilhaft erweisen. Wo andere zögerten, packte der erdverwachsene Niedersachse einfach zu. Über die Existenz des legendären Ludwigslieds wurde lange spekuliert, Valencienne als Ort vermutet. Hoffmann fuhr hin, ging in die Bibliothek und kam mit dem spektakulären Fund unter seinem Arm wieder heraus. Die Professur in Breslau hatte er sich da schon gesichert.

Oder die Kinderlieder. Einfach heruntergetextet hat er sie, von „Der Kuckuck und der Esel“ über „Maikäfer flieg“ bis „Ein Männlein steht im Walde“. Dass er keine Noten lesen konnte und Kindergeschrei ihm ein Gräuel war: Was tat das zur Sache?

Man muss ihn sich wohl als knalligen Popstar der Romantik vorstellen, laut und selbstgewiss wie Dieter Bohlen. Daraus erklärt sich auch sein Auf- oder Abstieg zum Staatsfeind Nummer eins. Ursache war weniger seine qualitativ eher durchschnittliche Lyrik, als vielmehr sein Gespür für die Öffentlichkeit. Hoffmann traf mit seinem dröhnenden Patriotismus den Nerv der Zeit und schuf sich so seinen eigenen Mythos. Wenngleich er seines Lehrstuhls enthoben war und auf seiner Irrfahrt durch die deutschen Lande eine Ausweisung nach der anderen hinnehmen musste, so wurde ihm doch bewusst: Nicht er ist das Opfer der politischen Verhältnisse, sondern jene Machthaber, die ihn so über die Maßen fürchteten. Wirkliche Lebensgefahr drohte ihm jedenfalls bis zuletzt nicht, im Gegenteil ermöglichten ihm seine Bestseller einen abgesicherten, ja geradezu philisterhaften Lebensabend. Selbst das viel beschworene „Exil“ auf Helgoland, wo er als „Flüchtling“ das Deutschlandlied niedergeschrieben haben soll, entpuppt sich als harmlose Urlaubsfahrt.

Bestechend an Bernt Ture von zur Mühlens Hoffmann-Biografie ist der Mut zur kommentierenden Beschreibung, das kompromisslose Aufzeigen tiefer Abgründe wie Gipfelstürme gleichermaßen. Die starke Grundhaltung des Autors gleicht manche stilistische Sprödigkeit aus, präzise und umfangreiche Quellenauswertungen stellen das Werk auf ein solides Fundament. Was immer man bisher von der Nationalhymne gehalten hat: Nach dieser Lektüre wird sie einem lauter vorkommen.

Bernt Ture von zur Mühlen: „Hoffmann von Fallersleben“; Wallstein Verlag: Göttingen 2010; 400 Seiten; 24,90 Euro.

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