Marc Becker inszeniert am Oldenburgischen Staatstheater einen müden Brecht

Trister Trust

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Wolkenkratzern ähnlich stapeln sich die Körbe im Chicagoer Gemüse-Trust: Arturo Ui (R. Hauffe) spricht zum Volk. ·

Von Johannes BruggaierOLDENBURG · Es waren Wirtschaftsinteressen, die vor mehr als 50 Jahren zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft führten. Heute, nach einer Epoche beispielloser Wohlstandsvermehrung auf dem Boden des kapitalistischen Handelsprinzips, greifen in vielen Staaten Extremisten zur Macht. Es gibt also gute Gründe, Bertolt Brechts Stück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ zu inszenieren.

Noch bessere Gründe gibt es, im Aufstieg des Gangsters und Hitler-Pendants Arturo Ui den Ausdruck eines „konsequenten Spätkapitalismus“ zu sehen – wie es das Programmheft zur jetzt am Oldenburgischen Staatstheater angelaufenen Produktion nahe legt. Was also hat uns dieser Gauner aus Chicago heute noch zu interessieren?

Die Antwort soll sich zunächst im Bühnenbild offenbaren. Bis zur Decke stapeln sich die weißen Plastikkörbe für Supermarktgemüse: Weil es hier schließlich um einen Trust für den Blumenkohlhandel geht. Und weil damit zugleich ein Wirtschaftssystem gemeint ist, das sich in einer Wolkenkratzer-Architektur Chicagoer Art widerspiegelt. Doch nicht etwa schneidige Manager unserer Tage bevölkern diese Türme des Kapitals, sondern biedere Kaufleute einer vergangenen Zeit: Typen in grauen Anzügen mit Krawattennadeln, Leute mit gemütlichem Schnauzer und Einstecktuch.

Ihre Krise ist nicht unsere. Es ist jene der zwanziger Jahre, als durch Massenproduktion der Markt übersättigt wurde und in der Folge die Nachfrage einbrach. Allein der Lösungsansatz kommt uns aus der Gegenwart bekannt vor: der Ruf nach dem Staat.

Bei Brecht erhört ihn der aufrechte Politiker Dogsborough, ein Mann der alten Schule. Mit seiner großen Erfahrung ahnt er sofort, wozu die Stadt dem Gemüse-Trust beim Bau neuer Kaianlagen unter die Arme greifen soll: damit die darbenden Unternehmen wieder flüssig sind, denn wirklich gebaut würden die Anlagen wohl nur auf dem Papier.

Seine Zusage gibt der aufrechte alte Herr nur, weil er zumindest nicht so aufrecht ist, als dass er dem verführerischen Gegenangebot widerstehen könnte: einem Erwerb der hübschen Reederei Sheet. Zum Spottpreis. Womit nun Gauner Arturo Ui ins Spiel kommt, der den vermeintlich untadeligen Politprofi mit seinem Wissen um die Mauschelei erpressen kann: Keimzelle eines auf Verbrechen gegründeten Staates, Hindenburg und Hitler stehen Pate. In Oldenburg entfaltet sich das alles in einem ziemlich spröden Nacheinander, einer nett gemeinten, harmlosen Nacherzählung.

Derart nett ist sie, dass es beinahe nichts zu beschreiben gibt. Allenfalls die Leistung des Schauspielers Thomas Lichtenstein vielleicht, der den für materielle Reize zugänglichen Senior Dogsborough überzeugend kernig spielt. Während sein gaunernder Gegenspieler Ui (Rüdiger Hauffe) seltsam weich erscheint, so als wäre ihm seine Rolle des rücksichts- und gewissenlosen Krisengewinners selbst zuwider.

Der Hauptfigur wie auch der ganzen Inszenierung haftet der Makel einer Unentschiedenheit an. Es ist der Gegensatz von Bühnenbild und Requisiten, der Kontrast aus Aktualität und Musealität, in dem sich das Dilemma dieses Abends zeigt. Indem Regisseur Marc Becker zwischen mehreren Möglichkeiten der Textausdeutung schlingert, vergisst er, was er uns überhaupt erzählen wollte.

Da kann es auch nicht helfen, dass Henner Momann in der Figur des Bandenleutnants Ernesto Roma durchaus pointiert Momente der Einfalt offenlegt. Und dass Klaas Schramm seinen Gangster Maunele Giri mit eben jener wunderbar lässigen Brutalität ausstattet, die man Arturo Ui gewünscht hätte.

Am Ende dieses alles in allem biederen Abends schwingt sich der Bösewicht dann auch brav zum Demagogen auf: eine Rede zu den Massen, gehalten von einem Podest hoch oben in den Türmen der Gemüsekorb-Skyline. Dass er nach Chicago auch Philadelphia erobern wolle und natürlich New York, ruft der Diktator des Blumenkohlhandels ins Publikum. Woraufhin die Türme – musste ja so kommen – mit lautem Krachen einstürzen. Reminiszenz an den 11. September? Aber warum?

Vielleicht lohnt es gar nicht, darüber nachzudenken. Denn „Der Schoß“, aus dem „das kroch“ ist an diesem Abend ohnehin nicht „fruchtbar noch“: Der Epilog zum Stück samt dieser sprichwörtlich gewordenen Schlusswendung ist kurzerhand gestrichen.

Weitere Vorstellungen: heute und morgen, jeweils um 20 Uhr am Oldenburgischen Staatstheater.

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