Ein Trip nach nirgendwo

Levin Handschuhs zeitgenössisches Musiktheater

+
Tobias Hamann und Johannes von Buttlar vom Ensemble New Babylon spielen auch auf Haushaltsgeräten.

Bremen - Von Jan-Paul Koopmann. Gute Laune war ja auch wirklich nicht zu erwarten. Finster und trostlos sollte er werden, dieser musikalische Ausflug in die inneren Räume, eine Konfrontation mit dem verkorksten Selbst inmitten verdrängter Erinnerungen.

Ein Trip im Theaterfoyer, lustig eingeleitet mit dem Schluck eines vorgeblich „leichten Halluzinogens“ am Einlass, bevor es richtig losgeht mit dem Geflecht aus zeitgenössischer Musik, einer Horrorgeschichte von H. P. Lovecraft und experimentellen Videoarbeiten.

Unter dem hübsch-paradoxen Titel „Native Outsiders“ setzt sich das szenische Konzert unter der Regie von Levin Handschuh mit Heimat auseinander. Darin sollen ihr auch die nächsten beiden Teile der Reihe „Andere Töne: Heimat“ folgen. Im Laufe der Spielzeit werden die Bremer Szenegrößen KLANK und Riccardo Castagnola zu sehen sein und es sich erwartungsgemäß nicht einfach machen mit dem großen Wort. Zum Auftakt allerdings will sich die Ambivalenz, um die es bei der Heimat gehen muss, beim besten Willen nicht blicken lassen.

An der Musik liegt es nicht. Das Ensemble New Babylon steigt mit Moritz Eggerts Libretto tief ein in Lovecrafts „Outsider“. Wo etwa Benjamin Fischer seine Oboe und mit ihr das Publikum quält, werden auch tatsächlich Schmerzgrenzen ausgelotet. Und das ist gut, weil es fordernd ist – auch wenn sich nicht recht sagen lässt, warum man sich das eigentlich antut.

Das Problem ist die Rahmenhandlung, die Mezzosopranistin Natasha López als Ich-Erzählerin vorsingt. Da wandert man mit ihr durch ein surreales Schloss, wühlt sich raus, und wird dann am Ende mit der eigenen Monstrosität konfrontiert: Das Monster steht ihr im Spiegel gegenüber. „Outsider“ ist eine stringent erzählte, an Edgar Allan Poe geschulte Kurzgeschichte, die der schrillen Musik einen ordnenden Rahmen hätte geben können. Stattdessen zerfasert sie in weitgehend unmotivierten Exkursen zu Lovecrafts Schauplätzen: New York, Kingsport, Arkham, Innsmouth.

Lovecraft-Kenner mögen sich da zurechtfinden und nach dem lauten New York Kingsports sphärische Ruhe genießen, aber das ist Fan-Service. Namen, die halt irgendwie im Raum stehen, so wie Lovecrafts außerirdische Monstergötter, von denen mehrfach die Rede ist: Shub-Niggurath, Azathoth, Cthulhu. Sie werden hier beschwörend geraunt, gekeift, gebrummelt.

Der ernsthafte Umgang mit diesen Motiven tut der Inszenierung nicht gut. Wer die Figuren nicht kennt, hat von dem Namedropping nichts, weil die Tentakelmonster ja ehrlich gesagt doch eher lustig klingen als unheimlich. Wer hingegen weiß, wovon die Rede ist, für den ist das längst Popkultur, aufgeweicht in Jahrzehnten ironischer Übergriffe: von Comicstrips über Trash-Filme bis hin zum Plüschtier. Ungebrochen, ohne kurze Atempausen im Comic relief, oder eine weitere Ebene (wie es Handschuh in seinem letzten Lovecraft-Stück „Pickmans Modell“ selbst noch mustergültig vorgemacht hatte) geht es nicht. Es gibt gute Gründe, Lovecraft heute wieder zu lesen: Die Unzulänglichkeit menschlicher Wahrnehmung etwa oder das Problem einer Ethik, seit die menschliche Wissenschaft ihre eigene Bedeutungslosigkeit im Universum entdeckt hat. Wo Kunst das aus Lovecrafts Groschenromanen herausarbeitet, vollbringt sie wirklich Großes. Nicht da, wo sie seine alten Metaphern zitiert.

In „Native Outsiders“ reiht sich die Vorlage widerstandslos ein in die übrigen Klischees der Inszenierung wie Schlüsselbund, verblichene Kinderfotos und trostlose Reihenhäuser. Selbst die Form ist verbraucht: Videos, die sich kaleidoskopartig ineinander schrauben und Fraktale bilden wie im Mescalin-Trip. Die vertrauten Zutaten sind in sich schlüssig kombiniert, in ihrer Summe dann aber doch: beliebig.

Nur noch eine Aufführung: Mittwoch, 14. 3., 19.30 Uhr, Theater am Goetheplatz

Das könnte Sie auch interessieren

Diese überwältigenden kroatischen Inseln sollten Sie gesehen haben

Diese überwältigenden kroatischen Inseln sollten Sie gesehen haben

Schützenfest in Ossenbeck

Schützenfest in Ossenbeck

Gehalt: Zehn Berufe, in denen Sie super verdienen - ohne Chef zu sein

Gehalt: Zehn Berufe, in denen Sie super verdienen - ohne Chef zu sein

Zehn Dinge, die Sie im Bewerbungsgespräch sofort disqualifizieren

Zehn Dinge, die Sie im Bewerbungsgespräch sofort disqualifizieren

Meistgelesene Artikel

Deichbrand: The Killers sprechen vor ihrem Auftritt über Elvis und Wahlkämpfe

Deichbrand: The Killers sprechen vor ihrem Auftritt über Elvis und Wahlkämpfe

Versengold vor Deichbrand-Debüt: „Da würde ich auch privat hingehen“

Versengold vor Deichbrand-Debüt: „Da würde ich auch privat hingehen“

Kommentare