Reinhard Spieler übernimmt die Leitung des Sprengel-Museums Hannover

Die Treppe ist zu schmal

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Süß und scharf: Reinhard Spieler leitet ab dem 1. Februar das Sprengel-Museum. · Werner, Sprengel Museum Hannover

Hannover - Von Jörg Worat. Reinhard Spieler kocht gern: „Aber nicht nach Rezept. Ich schaue mir an, was da ist, und mache dann etwas Eigenes daraus.“ Diese Vorgehensweise scheint auch beim neuen Berufsfeld des 49-Jährigen angemessen: Spieler wird ab dem 1. Februar Direktor des Sprengel Museums, als Nachfolger von Ulrich Krempel, der sich in den Ruhestand verabschiedet.

Zur Zeit wirkt der künftige Sprengel-Chef noch in gleicher Funktion am Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum, und er sieht durchaus Parallelen zwischen beiden Häusern: „Sie wurden im gleichen Jahr eröffnet“ – nämlich 1979 – „und den Grundstock bildet jeweils der Bestand eines privaten Sammlers.“ Auch in Bezug auf die Verortung gäbe es Anknüpfungspunkte: „Weder Ludwigshafen noch Hannover sind klassische Kunststädte. Deswegen darf man nicht nur im Museum sitzen und darauf warten, dass die Leute kommen – man muss auch Konzepte entwickeln, sie abzuholen, unter Umständen sogar selbst in den Außenraum zu gehen.“

Aktuell kreisen Reinhard Spielers Gedanken allerdings mindestens im gleichen Maße um den Innenraum, und zwar auf mehreren Ebenen. Einerseits eröffnen sich völlig neue Möglichkeiten, sobald der neue Bauabschnitt abgeschlossen ist, zum anderen machte der Hausherr in spe schon frühzeitig deutlich, dass er mit der Architektur des Museums, vor allem im Eingangsbereich, nicht sehr glücklich ist. „Das ist noch vorsichtig ausgedrückt“, bestätigt er. „Ein Problem ist zum Beispiel die viel zu schmale Treppe, die vom Eingangsfoyer ins Untergeschoss führt – für die Besucheranzahl, mit der wir rechnen, ist dieser Zugang in keinster Weise ausreichend. Wir werden sehen, was da möglich ist – Umbauten sind immer nicht zuletzt eine Kostenfrage und können natürlich auch nur in Absprache mit den Architekten erfolgen.“

Spielers Antrittsausstellung wird vom 9. März bis zum 15. Juni stattfinden und ist Michael Raedecker gewidmet: Der niederländische Künstler, der seit Jahren in London lebt, kombiniert Mal- und Sticktechniken, Farbe und Faden. Seinen Coup aus dem Wilhelm-Hack-Museum wiederholt Spieler also nicht. Die dortige Eröffnungsschau hießt 2009 aus gutem Grund schlicht „alles“: Präsentiert wurde in üppiger Petersburger Hängung der gesamte Bestand des Hauses, an die 10 000 Kunstwerke. In Hannover wäre das, Neubau hin oder her, indes schon deswegen kaum möglich gewesen, weil die hiesige Sammlung um die fünf Mal umfangreicher ist.

Dem künftigen Direktor schweben weitere monographische Ausstellungen vor und solche zu bestimmten Themen: „Beispielsweise über das Scheitern oder den Tod, das könnte ich mir interessant vorstellen.“ Auch im Hinblick auf Neuerwerbungen gibt es schon konkrete Ansätze: „Zur Einweihung des Erweiterungsbaus werden wir die Sammlung komplett neu präsentieren und möchten dafür eine kapitale Video-Arbeit erwerben, die sich mit den Manifesten des 20. Jahrhunderts beschäftigt.“

Spieler wirkt im Gespräch durchaus wie ein Überzeugungstäter, die ursprünglichen Berufswünsche des in Rotenburg an der Fulda geborenen und in Oberbayern aufgewachsenen Kunstspezialisten gingen jedoch in eine andere Richtung: „Ich habe mich immer für den Menschen interessiert, aber zuerst mehr in naturwissenschaftlicher Hinsicht. Damals wollte ich Arzt werden.“

Die Wende kam, als Schüler Reinhard bei einem Rom-Besuch auf den renommierten Kunsthistoriker Christoph Luitpold Frommel traf: „Er hat eine Führung durch die Villa Farnesina gemacht, und ich war tief beeindruckt, wie jemand so viel über etwas wissen konnte.“ Die Weichen waren gestellt: Spieler studierte Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Neuere deutsche Literatur in München, Paris und Berlin, promovierte über Max Beckmann. Nach einigen Jahren an der Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen wurde er Gründungsdirektor des Museums Franz Gertsch in Bern, dann folgte der Wechsel zum Wilhelm-Hack-Museum.

Es gibt auch ein Universum außerhalb der Kunst, doch selbst privat kann Spieler der Kultur nicht immer entkommen: Lebensgefährtin Julia jedenfalls ist aktuell als Geschäftsführerin in Sachen Kulturhauptstadt tätig – Mannheim hat sich für diesen Titel beworben.

Wenn Spieler mal ganz abschalten will, treibt er gern Sport, etwa Skilaufen. Dass er für entsprechende Aktivitäten das hannoversche Stadtgebiet wohl verlassen muss, ist ihm klar, wie der Umzug nach Norddeutschland ohnehin einige Veränderungen mit sich bringt, zumal der Kunstfachmann sich unverblümt als Genussmensch mit Hang zu herzlicher Gastfreundschaft outet: „Aber die kann man ja auch mitbringen“, lautet sein Credo. Zum Beispiel, indem man kocht – apropos, was ist denn Spielers Spezialität? „Honighühnchen. Ich mag es, wenn das Süße auf die Schärfe des Ingwers trifft.“ Interessante Würzmischung – das könnte ja auch ein Rezept für die künftige Gestaltung des Sprengel Museums sein.

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