Ballettdirektor Jörg Mannes richtet in Hannover ein „Inferno“ an

Treppe runter

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Große sinnliche Momente: Denis Piza und Catherine Franco im Hannoverschen „Inferno“. ·

Hannover - Von Jörg WoratSex & Crime im Opernhaus: Ein „Inferno“ richtet Jörg Mannes mit seiner neuen Choreographie an – so zumindest hat Hannovers Ballettdirektor das Stück genannt, im Untertitel eine „Italo-Revue“. Ein Brückenschlag zwischen einst und jetzt, zwischen Borgia und Bunga-Bunga, zwischen Himmel und Hölle.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht Rodrigo Borgia, als Alexander VI. von 1492 bis 1503 Papst und berüchtigt dafür, so ziemlich jedes göttliche Gesetz gebrochen zu haben: Die Palette der Vorwürfe reicht von Korruption und Vetternwirtschaft über Machtstreben und sexuelle Zügellosigkeit bis hin zu Mordaufträgen. Ballettdirektor Mannes hat weitere historische Persönlichkeiten auf die Bühne gebracht, etwa Rodrigos brutalen Sohn Cesare und seine blutjunge Geliebte Giulia, vom Volksmund damals zynisch „Braut Christi“ genannt.

Dazwischen geschnitten sind Blöcke, die an ein kesses Fernsehballett mit einem smarten Showmaster gemahnen oder auch an eine flotte Party mit einem draufgängerischen Gastgeber und auf nach wie vor aktuelle Zusammenhänge zwischen Macht, Glanz und Pomp verweisen. Das Programmheft enthält mehrfach betont auffällige Hinweise darauf, dass Ähnlichkeiten mit lebenden Personen als zufällig zu betrachten sind, und zugleich ausführliche Zitate von Silvio Berlusconi – nicht unbedingt ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Die stilsicher getroffene Musikauswahl umfasst Max Richter ebenso wie Ennio Morricone, Dmitri Schostakowitsch oder Adriano Celentano. Sie erklingt vom Band, wodurch der Orchestergraben anderweitig genutzt werden kann: Bühnenbildnerin Alexandra Pitz hat eine Treppe nach unten gebaut, was gleichzeitig den Showcharakter und die Höllenassoziation verstärkt.

Mag es inhaltlich auch um heftige Dinge gehen, das krasse Spiel ist Mannes’ Sache nie gewesen. Das bleibt alles sehr im Rahmen, wirklich grausige Bilder gibt es nicht, und der Tanz ist immer wieder deutlich neoklassisch unterfüttert. Hier und da wird’s arg plakativ, beispielsweise zu Beginn des 2. Akts mit einer dann doch etwas gar zu läppischen Mordserie oder am Schluss, wenn Geldscheine vom Bühnenhimmel herabregnen.

Es gibt aber auch ganz große Momente wie den hochsinnlichen ersten Pas de deux von Catherine Franco (Guilia) und Denis Piza (Rodrigo); dass später ein zweiter folgt, verwässert den Eindruck eher. Ebenfalls Tiefenwirkung entfaltet Rodrigos Todestanz mit seiner Mischung aus Schwäche und Aufbegehren. Und dass die Machtkämpfe mit dem Ableben des Papstes keinesfalls ein Ende haben, wird sehr deutlich.

Die Showblöcke sind natürlich bewusst etwas schlichter gebaut. Die Begeisterung, mit der das Publikum darauf abfährt, stimmt nachdenklich, noch mehr, wie sich ein Gutteil der Besucher auf die absichtlich albern angelegten Mitmach-Animationen einlässt und zu „Funiculì, funiculà“ beglückt die Arme schwenkt – sollte dadurch ein Hinterfragen der eigenen Empfänglichkeit für solche Formen des Amüsements angeregt werden, löst sich das zumindest offenbar kaum ein. Am Schluss entlädt sich die allgemeine Freude in endlosem Beifall, lautstarkem Jubel und einigen Ovationen im Stehen.

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