Matthias Kaschig rettet Tennessee Williams‘ „Glasmenagerie“, indem er sich von ihr distanziert

Traum und Trauma in Amerika

Glas ist keine Option: Amanda Wingfield (Eva Gosciejewicz) sorgt sich um ihre Tochter. Tom (Thomas Hatzmann) soll ihr den Märchenprinzen beschaffen.

Von Johannes BruggaierBREMEN (Eig. Ber.) · Das Problem hat knapp unter der Decke seine Schwingen ausgebreitet. Mit den Füßen krallt es sich an einer oben angebrachten Tafel fest, sein Blick richtet sich starr Richtung Publikum. Ein Weißkopfseeadler wacht in Bremen über Tennessee Williams‘ „Glasmenagerie“. Und ein Problem ist er insofern, als mit ihm für eine geografische Verortung des Stücks gesorgt ist.

Weißkopfseeadler, das bedeutet Amerika: Prüderie, Calvinismus, konservatives Familienbild. Uns Mitteleuropäer tangiert das wenig bis überhaupt nicht, allenfalls dürfen wir wieder einmal den Kopf schütteln über manche Wertvorstellungen, die man da drüben hinter dem großen Teich hegt.

Matthias Kaschig hat Williams‘ Klassiker auf die Bühne des kleinen Moks Theaters gebracht. Eigentlich aber inszeniert er vielmehr Amerika, oder besser: Das, was viele über Amerika so denken. Die Bühne (Jürgen Höth) besteht aus einer Pappschachtel, was an Bruchbuden und Immobilienkrise denken lässt. Tom Wingfield (Thomas Hatzmann) sieht mit Haartolle und schmaler Krawatte zum weißen Hemd aus wie ein Hollywoodstar der Fünfziger. Seine Mutter Amanda (Eva Gosciejewicz) dagegen könnte mit ihren silbernen Leggins der Aerobic-Bewegung entsprungen sein. Allein das auf die Tafel geworfene Bildnis des abwesenden Vaters erinnert nicht an Amerika: eine Mischung aus Yeti und dem kleinen Nachtgespenst.

Ansonsten aber fühlt man sich mitunter an die Lebenswirklichkeit der „Simpsons“ erinnert. Insbesondere dann, wenn Amanda Wingfield mit schnarrender Stimme versucht, ihre Schäfchen auf den Pfad der Tugend zu bringen. Das Schäfchen Laura zum Beispiel (Ulrike Beerbaum), das sich dem vorgeschriebenen Lebenslauf entziehen will: entweder einen Beruf zu ergreifen oder unter die Haube zu kommen. Mit Glastierchen spielen gilt im Land der unbegrenzten Möglichkeiten jedenfalls nicht als Zukunftsoption. All das ist so nah an die Handlungsabläufe amerikanischer TV-Serien gebaut, dass die Bremer Darsteller nicht auf parodistische Einlagen verzichten mögen. Dann findet der Nebentext plötzlich Eingang in das gesprochene Wort. „Sie blickt Tom flehentlich an“, sagt Laura über sich selbst, um sogleich betont „flehentlich“ zu ihrem Bruder zu stieren.

Wie traumatisch der amerikanische Traum sein kann, zeigt sich mit dem Auftreten Jims. Dem Äußeren nach ein Selfmademan in Lederjacke und Cowboystiefeln, handelt es sich doch um einen gefallenen Star. Sein Highschoolruhm ist längst verblasst, bloß der ehemalige Schulkamerad und heutige Arbeitskollege Tom kann sich noch an die glorreichen Zeiten erinnern, als man in Jim sogar den künftigen Präsidenten sah. Vielleicht ist Jim auch deshalb mit ihm befreundet: Wer einmal von der Droge des Beifalls genascht hat, mag die Claqueure nicht mehr missen.

Der Besuch bei den Wingfields stellt sich für den einstigen Klassenprimus als therapeutische Maßnahme dar. Hier ist er noch willkommen, hier bereitet man ihm ein gutes Essen, und hier leben seine letzten Bewunderer: Tom und auch Laura, die an der Highschool seine Verehrerin war. Der Flirt, der Tanz, schließlich gar der Kuss: Jim genießt es nicht aus Liebe, sondern aus Narzissmus. Dass seine tatsächlichen Neigungen homoerotischer Natur sind und sein Verhältnis zu Tom über Sympathie hinausgeht, lässt sich erahnen. Ausgesprochen wird diese Wahrheit zu keiner Zeit: Im christlich geprägten Familienbild Amerikas ist diese Variante nicht vorgesehen – nicht in den fünfziger Jahren.

Hierzulande und heutzutage ist das anders. Weshalb sich ins Moks die Frage schleicht, was uns das alles eigentlich angeht. Merkt denn niemand, dass Laura weder Mann noch Beruf benötigt, sondern Hilfe? Was soll Amandas Bemühen um einen Schwiegersohn, wo sie doch selbst unter Einsamkeit leidet? Und erscheint es wirklich so gewagt, sich zu einer homosexuellen Beziehung zu bekennen?

Wenn Kaschigs Inszenierung dennoch auf solidem Niveau unterhält, so ist das ausgerechnet der Distanz zu ihrer Vorlage geschuldet. Die bewusste Zurschaustellung textimmanenter Klischees offenbart auf amüsante Weise Skepsis: eine Skepsis gegenüber dem Vorhaben, das überholte Gesellschaftsbild irgendwie doch noch ins 21. Jahrhundert zu retten. Es ist, als weise das Ensemble jederzeit nach oben, zum Wappentier der USA. Dort hängt das Problem: Die konkrete Beziehung zu einer ganz bestimmten Gesellschaft in einer ganz bestimmten Zeit.

Vielleicht ist diese Haltung zum Text alternativlos. Vielleicht lässt sich die „Glasmenagerie“ nur aus der Distanz spielen. Das darstellerische Personal jedenfalls nimmt sich dieser Aufgabe mit Überzeugung an. So gelingt es Ulrike Beerbaum, die klischeehafte und damit komische Seite Lauras aufzuzeigen, ohne damit die tragische zu verraten. Schlüssig ist auch Jan Byls Annäherung an Jim: In ihm wird die Zerrissenheit einer karrieregeilen Gesellschaft sichtbar, eine tiefe Schlucht zwischen Schein und Sein. Thomas Hatzmann changiert derweil souverän zwischen Zeiten und Erzählperspektiven. Allenfalls Eva Gosciejewicz findet mitunter zu sehr Gefallen an Amandas Begabung zur Nervensäge.

Tennessee Williams feiert seit einigen Jahren auf deutschen Bühnen eine Renaissance. Den Grund hierfür hat die Bremer Produktion nicht geliefert.

Weitere Vorstellungen: am 2., 3., 7., 9. und 11. Februar, jeweils um 20 Uhr im Moks Theater.

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