Trancen und Fenster zum Verborgenen

Mehdi Jalali Foto: Ilaghi Hosseini

Syke - Von Ute Schalz-laurenze. Vor gar nicht langer Zeit, nämlich im Jahr 2007, wurde im Syker Vorwerk aus dem frühen 18. Jahrhundert ein Zentrum für zeitgenössische Kunst eröffnet. Seither gibt es dort in Zusammenarbeit mit der Kreismusikschule neben der Präsentation von Kunst auch regelmäßig Konzerte unter dem Titel „Novissima“. Am Freitag war in dieser Reihe ein ganz besonderes zu sehen: Der iranische Künstler Mehdi Jalali spielt das über 6 000 Jahre alte Saiteninstrument Tanbur, eine Langhalslaute von der Größe einer Zigarrenkiste, mit zwei Bünden und drei Saiten, die im Iran und im arabischen Raum beheimatet ist. Dass Jalali sich nun auf die Wiedergabe neu komponierter Stücke für das rituelle Instrument einlässt, sei auch für ihn ein aufregendes Novum, sagt er.

Um diese Spannung geht es an dem gut besuchten Abend: Neben der faszinierenden und virtuosen Wiedergabe der uralten mystischen Musik mit ihren so genannten Maqams vergibt Jalali Kompositionsaufträge an Komponisten, die auf ganz unterschiedliche Art mit der Tradition ihrer Kultur und der Tradition des Instrumentes umgehen. Da ist zum einen der 1952 geborene Shahrokh Khajehnouri, der mit „Rebut“ (Vergangenheit) durch immer andere Zupftechniken einen großen Klangreichtum an dem an sich einfachen Instrument erreicht. Die 1983 geborene Fariba Alipour versucht mit „Turquoise“ neue Klangbereiche zu finden, erinnert aber immer wieder stark an die Klangtradition der kurdischen Maquams.

Am weitesten entfernt sich der 1978 geborene Ali Gorji von der Tradition, holt sie aber durch die philosophische Idee seines Stückes wieder ein. Mit „Les Fenêtres II“ versucht der in Berlin lebende Komponist das „Windowing“ nachzugestalten, in der globalisierten Welt das Gleiten von einem Fenster zum anderen. Die Vorstellung immer neuer und andere Sichtweisen ist auf der traditionellen Klangbasis gut nachvollziehbar. Und dann noch ein deutscher Komponist, der seinen eigenen Weg gefunden hat, mit einem Instrument umzugehen, das so extrem in einer so anderen Kultur verwurzelt ist. Der 1983 geborene Tobias Klich teilt sein kleines Werk „Verborgenes Zeigen“ in zwei Ideen: Einmal will er mit „Verborgenes zeigen“ ungehörtes Potenzial zum Vorschein bringen, zart und sensibel gelingt das. Für die zweite Idee, „verborgenes Zeigen“ nutzt er einen umgekehrten Geigenbogen, mit dem er jegliche Mitteilung auf direktem Weg vermeidet. Es klingt wie ein brummender Insektenschwarm und endet im Nichts. Beide Ideen will Klich auf dem Hintergrund einer Diktatur politisch verstanden wissen.

Diese vier so interessanten wie vollkommen unterschiedlichen Stücke verbindet Jalali hinreißend durch die Maqams, Musik, die immer virtuoser weitertreibt in tranceähnliche Zustände.

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