Patrick Schimanski inszeniert am Theaterlabor Bremen „Germania Tod in Berlin“

Und Tränen lügen doch

Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen? Patrick Schimanski setzt in seiner Heiner-Müller-Inszenierung auf zirzensische Effekte.

Bremen (Eig. Ber.) Wer schon mal vor mehr als hundert Menschen masturbiert hat, wer schon einmal wie ein Hund über die Bühne gekrochen ist, wer schon einmal einen Contergan-Wolf geboren hat: Der ist reif für den Theaterbetrieb. So gesehen hat die Leitung des Theaterlabors Bremen alles richtig gemacht, als sie Heiner Müllers „Germania Tod in Berlin“ auf den Spielplan setzte.

Die Spielstätte hat sich der Vermittlung arbeitsloser Schauspieler verschrieben: jenen, die von dem alljährlichen Rennen um die begehrten Engagements übrig geblieben sind. In der Hoffnung, dass im Publikum der eine oder andere Intendant sitzen möge, spielen sie um eine neue Anstellung. Und weil auf deutschsprachigen Bühnen, wie Daniel Kehlmann kürzlich zur Eröffnung der Salzburger Festspiele bemerkte, „immer irgendwer mit irgendwas beschmiert“ und „Gezucke“ sowie „hysterisches Geschrei“ an der Tagesordnung ist, lässt sich Müllers wilde Textcollage durchaus als ideale Vorbereitung auf künftige Bühnenorgien verstehen.

Etwas anderes als eine Orgie nämlich bleibt Regisseur Patrick Schimanski in der Concordia ohnehin nicht übrig. Sage und schreibe 18 junge Schauspieler gilt es zu integrieren, dabei möglichst jedem von ihnen wenigstens einen aussagekräftigen Auftritt zu gewähren: Rahmenbedingungen, die fast zwangsläufig zu einer wilden Bühnenschlacht führen müssen. Schimanski macht aus der Not eine Tugend und stellt zunächst einmal ein Rednerpult aufs Podest. Zwei Mikrofone, ein Wasserglas, vorne Blumensträuße: Einer nach dem anderen darf hier in Politiker-Manier den Lauf der Welt beklagen. Und weil das auf musikalische Weise viel schöner ist, bedient sich jeder Zweite aus der deutschen Schlagerliteratur. „Ach, könnt ich doch ein Regenwürmchen sein“, trällert die erste Rednerin (Paulina Julia Plucinski) frei nach Heinz Rühmann. Ein anderer beginnt mit „Goodbye Johnny“ und findet sich unvermutet in Hanns Eislers „Auferstanden aus Ruinen“ wieder. Nur Angela Merkel mag nicht singen. Die Kanzlerin schreitet zu den Mikrofonen – und schweigt.

Während Merkel stumm am Rednerpult verharrt, streitet sich Preußenkönig Friedrich II. in Clownskleidern (Stefanie Lanius) mit einem unter Dauererektion leidenden Müller (Viola Neumann) um dessen allzu laut klappernde Mühle. Das Flötenspiel, bekanntlich eine Leidenschaft des alten Fritz, leidet nach dessen Aussage empfindlich unter der Lärmbelästigung. Der Müller jedoch mag seine Mühle nicht schließen, probt gegen die Obrigkeit den Aufstand. Dass der König ihn zu eben dieser Opposition ermuntert, geht in dem dann doch etwas schrillen Wortgefecht unter – dabei besteht gerade in diesem Umstand der Reiz von Heiner Müllers Sicht auf die deutsche Mentalität.

Zu aufgeregt, zu laut, zu spaßbetont erscheint die Produktion oftmals. Was fehlt, ist die prägende Figur als tragische Gestalt inmitten all der Clowns, Schlagersänger und Transvestiten. Allein: In einem Ensemble, das sich aus der Not heraus zusammenfindet, gehört dieser Mangel zum Programm. Am Überzeugendsten wird Paulina Julia Plucinski diesem Anspruch gerecht. In der Rolle Adolf Hitlers gelingt es ihr, Klischees psychologisch zu hinterfragen, zackige Gesten als Fassade für tiefgreifende Ängste aufzuzeigen.

In einer stark zirzensisch ausgerichteten Produktion sind die größten Momente in der medialen Konfrontation zu finden. Wenn Arminius und Flavus um das wahre politische System streiten und im Hintergrund Bilder des Wendejahres 1989 über die Leinwand flimmern, so kommt darin eine bittere Erkenntnis zur Geltung: dass die innere Zerrissenheit der Deutschen keinesfalls auf den Kalten Krieg und seine Folgen beschränkt, sondern bereits im Urmythos verwurzelt ist.

„Tränen lügen nicht“, behauptet der Schlager, der sich unter die rührseligen Mauerfall-Bilder seicht. Wirklich nicht?

Weitere Vorstellungen: morgen sowie am 30. und 31. Juli sowie am 1., 2., 4. und 6. August, jeweils um 20 Uhr in der Concordia, Bremen.

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