Konzert der Deutschen Kammerphilharmonie

Schluss mit Beschaulichkeit

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Anne Sofie von Otter führte ihren Mezzo kultiviert durch alle Register.

Bremen - Von Wolfgang Denker. Es ist in Mode gekommen, Konzertprogrammen ein übergeordnetes Motto zu geben. So auch am Donnerstagabend beim Konzert der Deutschen Kammerphilharmonie mit Werken von Beethoven, Haydn und Schubert: „Steter Fluss und Eigensinn“ soll wohl auf die Emanzipation von Kunst und Künstlern in den 80er Jahren des 18. Jahrhunderts hinweisen.

Eigensinn ist jedenfalls eine Eigenschaft, die man Beethoven unbedingt zusprechen kann. Beethoven und die Kammerphilharmonie haben sich in den letzten Jahren als ein ungewöhnlich „starkes Team“ erwiesen. Nun stand mit der Ouvertüre sowie dem Andante und Finale aus „Die Geschöpfe des Prometheus“ nur eine Ballettmusik auf dem Programm, aber Gastdirigent Trevor Pinnock sicherte dem Werk Kraft und Gewicht, als wäre es eine der großen Beethoven-Symphonien. Die schicksalsschweren Orchesterschläge zu Beginn, das flirrende Spiel der Streicher, die Soli der Holzbläser, die Ruhe des organisch strömenden Andante – Pinnock und die Kammerphilharmonie musizierten auf höchstem Niveau und verbanden alles in Bezug auf Tempi und Dynamik zu einer bezwingenden Einheit. Und einen direkten Bezug zu einer Beethoven-Symphonie gibt es auch. Im letzten Satz der in zeitlicher Nähe zum „Prometheus“ entstandenen „Eroica“ hat Beethoven ein Thema aus dem Ballettfinale unverändert übernommen.

Joseph Haydn schuf nur wenige Kantaten, von denen „Arianna a Naxos“ die erfolgreichste war. Er hat das Werk für Singstimme und Klavier geschrieben. Eine Orchesterfassung hatte er geplant, aber nie in Angriff genommen. Sigismund von Neukomm, ein Freund Haydns und selbst Komponist, hat schließlich eine Orchestrierung im Stile Haydns geschaffen. Die Kantate endet dort, wo die Oper „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss beginnt. Haydns Werk ist ein Monolog Ariannas (Ariadne), die die verlorene Liebe und den Verrat von Theseus beklagt und sich den Tod wünscht. Das Werk besteht aus mehreren Teilen, die nahtlos ineinander übergehen: Ein Adagio, ein Rezitativ und zwei Arien. Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter konnte das Wechselbad von Ariannas Gefühlen mit kultiviertem, strömendem Gesang verdeutlichen. Für Trauer, Hoffnung, Zorn und Todeserwartung fand sie stets den punktgenauen Ausdruck. Dabei schlug sie nie einen larmoyanten Ton an – selbst die Todessehnsucht paarte sich hier fast mit Freude und Trotz. Ihren eher hell timbrierten Mezzo führte sie sehr kultiviert durch alle Register bis hin zu leuchtend blühender Höhe. Dazu differenzierte von Otter mit geschmackvoller Phrasierung und feinen Crescendi. Wenn der Ausdruck es verlangte, setzte sie auch kraftvolle Brusttöne ein. Als Zugabe sang sie, nur von einer einzelnen Violine begleitet, ein schwedisches Volkslied, das mit seiner anmutigen Schlichtheit einfach bezauberte.

Das Attribut „steter Fluss“ trifft oft auf Schuberts Werke zu. Auf dem Programm stand die Symphonie Nr. 8 C-Dur „Die Große“. Mit der Nummerierung der Symphonien ist es so eine Sache. Nach älterer Zählweise war es die Nr. 7 oder die Nr. 9, während die „Unvollendete“ die Nr. 8 war. Im neuesten Deutsch-Verzeichnis hat die hier gespielte C-Dur-Symphonie die Nr. 8.

Pinnock und die Kammerphilharmonie haben der Symphonie das Liedhafte und den Rhythmus des Wanderns weitgehend ausgetrieben. Einer solch dramatischen, ja eruptiven Lesart wie hier begegnet man selten. Der romantische Hörnerklang zu Beginn täuscht: Hier wird keine beschauliche Eichendorff-Welt aufgeblättert – immer wieder bricht das volle Orchester in die Idylle. Die Energie, die von Pinnocks Dirigat ausgeht, ist fast körperlich zu spüren. Wiederholt wird das Tempo bei dramatischen Steigerungen angezogen. Dem lieblichen, von der Oboe intonierten Thema des zweiten Satzes wird Bedrohliches, Schroffes entgegengestellt. Trügerische Oasen der Ruhe werden mit ungebremster Wucht durchbrochen. Im Scherzo, das an einen Bauerntanz erinnert, tritt mehr Ruhe ein. Die vielzitierten „himmlischen Längen“ – hier sind sie am ehesten zu finden. Im Finalsatz treibt Pinnock das Orchester fast zur Ekstase, die Pauken treiben eindringlich das Fahrttempo an. Man mag einwenden, dass sich Pinnocks Wiedergabe zu oft im Forte oder Fortissimo bewegte, aber der Klang verdickte sich dadurch nicht und wahrte seine Schönheit. Eigentlich kann man nach dieser heftig bejubelten Tour de Force keine Zugabe mehr bringen. Pinnock tat es mit einem ruhigen Satz dennoch. Vielleicht auch nur, um die Pulsfrequenz wieder auf normales Niveau zu bringen.

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