Er kann nicht anders

Torsten Sträter unterhält das Publikum im Pier 2 ohne Scheu vor den Niederungen des Humors

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Drei Stunden plaudert Torsten Sträter im Pier 2.

Bremen - Von Ulla Heyne . Sträter – ist das nicht der mit der Mütze? Ist er. Ruhrgebiet, Sie wissen schon. Sein Markenzeichen bestellt er bei Amazon, ab und an bei H & M – wer im Publikum auf Merchandise gehofft hatte, muss selbst kreativ werden. Das haben in der Tat einige Zuschauer getan und sich den Titel ihrer Lieblingsgeschichte „Fump“ aufs T-Shirt gepinselt. Der Meister zollt Respekt. 800 Primark-Gänger habe er auf dem Weg zum Pier 2 umfahren müssen; die Verbalattacken gegen das Billigklamotten-Imperium sollen nicht die einzigen genüssliche Hasstiraden bleiben an diesem langen Abend.

Eigentlich kennt man Torsten Sträter trotz markanter Worte als hintersinnigen Geist. Nun ist der Träger des deutschen Kleinkunstpreises und zahlreicher anderer Auszeichnungen zwar nicht gerade Polit-Kabarettist im Geiste von Dieter Hildebrandt, aber bei seinen Fernsehauftritten unter anderem bei Dieter Nuhr ist er als gesellschaftskritischer Geist gern gesehen.

Davon ist am Donnerstagabend im ausverkauften Bremer Pier 2 wenig zu merken. Comedy statt Kabarett: Ob die ausgiebigen Ausflüge in die Niederungen des Humors geplant waren? Schwer zu sagen, ist der 53-Jährige doch ein Meister des scheinbar spontanen Smalltalks. Jeder Zwischenruf löst eine Gedankenkaskade neuer Themen aus, so kommt er von einer Pointe auf die nächste. So gekonnt den roten Faden verlieren: Das muss ihm erstmal einer nachmachen. „Heute hab ich’s einfach mal laufen lassen“, wird der Dortmunder drei Stunden später bei der Verabschiedung sagen.

Dabei mangelt es dem „harmoniegebürsteten Fan des linearen Fernsehens“ nicht an der gewohnten Scharfzüngigkeit, mit der er sich lustvoll über so ziemlich alles aufregt: Handtuchschwäne und angeschraubte Kleiderbügel in Hotels, Silvesterbräuche zwischen Sprengstoff in Privathand und Pfännchenromantik beim Raclette oder die Apple-Reklame in den Tagesthemen. Dabei erweist sich der Autor von Horrorbüchern als Meister der Metapher, der Überhöhung und des skurrilen Weiterspinnens von Gedanken. Angespornt vom Gelächter im Saal dringt er immer weiter in die Niederungen des Fäkalhumors vor.

Selbstreflektiert, wie Sträter nun einmal ist, verspricht er: „Nach der Pause wird’s anspruchsvoll und politisch“ – ein leeres Versprechen. Etwas mehr Tiefgang haben immerhin seine Blödeleien, als er die eigenen Depressionen thematisiert. Ein Thema, über das man lachen darf? Unbedingt. Anders stehe es mit Schwulen oder Farbigen. Dazu findet er deutliche Worte: „Im Sinne der Gleichberechtigung Witze über sie zu machen, um sie hinterher inkludieren zu können, ist totaler Schwachsinn.“

Hinter allem, was Sträter an diesem Abend auf der Bühne tut, steht die Selbstreflektion. Und ja: Er hat recht, wenn er die Plaudereien mit drei Stunden arg lang findet. Seine Erklärung versöhnt: „Ich kann nicht anders – ich hatte das Gefühl, ich schulde Ihnen vom Eintrittsgeld noch zehn Euro!“

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