Tord Gustavsen und Simin Tander präsentieren ihr gemeinsames Album

Spiritualität ohne Gott

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Befreiung vom Sakralen: Tord Gustavsen

Bremen - Von Ulla Heyne. Den Norweger Tord Gustavsen im Trio zu erleben, ist so ungewöhnlich nicht, nach drei in der Jazz-Szene ebenso beachteten wie erfolgreichen ECM-Scheiben. Wohl aber in der Besetzung, in der er am Mittwochabend im Bremer Sendesaal zu erleben war: Neben seinem langjährigen Weggefährten Jarle Vespestad am Schlagzeug hatte der für seinen Minimalismus geschätzte Pianist statt eines Bassisten die deutsch-afghanische Jazz-Sängerin Simin Tander dabei. Das Ergebnis der knapp zweijährigen Zusammenarbeit, nämlich das Album „What Was Said“, ist ab heute im Handel – vorgestern gab das Trio tiefe Einblicke in die ebenso ungewöhnliche wie fruchtbare musikalische Interaktion. - Von Ulla Heyne.

Zum Thema seiner verhaltenen, nie überbordenden Improvisationen hat Gustavsen sich die „Hymns“ seines Landes erkoren. Und das sind nicht etwa, wie direkt übersetzt, Hymnen, sondern Themen der kirchlichen Choräle aus der Kindheit. Durch Übersetzung der Texte in Paschtu, die Sprache der Vorfahren der Kölner Sängerin mit afghanischen Wurzeln, werden die Themen in einen neuen Kontext gestellt. Die Verbindung zwischen Okzident und Orient, die schon Landsmann Jan Garbarek in den 90ern auslotete, an dessen Spiel der melancholische Minimalismus Gustavsens zuweilen erinnert: An diesem Abend scheint sie fast gottgegeben. Wobei gerade der, wie Gustavsen einleitend betont, aus dem Spiel bleiben soll, geht es doch darum, diese Brücke „vom Sakralen zu befreien und ihre „Spiritualität freizusetzen“.

Und siehe da: Der Gesang in Paschtu, einer Sprache, die Tander nicht spricht, eröffnet dem fast ausverkaufen Sendesaal einen neuen vokalen Kosmos: Sirenengleich agiert die äußerst präsente Sängerin, improvisiert einige Minuten auf einer Silbe, um dann das Thema expressiv aufzugreifen und nur wenig später zu oktavieren.

Dabei hat sie in Gustavsen und dem sensibel zurückhaltenden Vespestadt kongeniale Partner: Das technische Arsenal des Pianisten, vom Looper über Synthies bis zum Midi-Klavier, wird stets im Dienste des Songs eingesetzt, ebenso wie das rhythmische Rüstzeug. Vespestadt versteht es, nur mit ein paar Schlegeln, durch gekonnte Anschlagtechnik perkussionistische Akzente zu setzen. Und auch bei ihren Soli verlassen die beiden nie den Pfad der Nachvollziehbarkeit. Es scheint, als hätten sich da drei gefunden vor zwei Jahren.

Nach Trio und Quartett „einfach nur etwas Neues zu machen, hätte nicht funktioniert“, verriet Gustavsen vor einiger Zeit in einem Interview, „es muss aus meinem tiefsten Inneren kommen.“ Der Brückenschlag zwischen Rückbesinnung auf skandinavische Traditionen und Einflüssen des Orients ist geglückt, das „gemeinsame spirituelle Universum“ entfaltet sich an diesem Abend eineinhalb Stunden lang im Sendesaal.

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