Tim Tonndorf seziert in Oldenburg den Mythos des verschlagenen Odysseus

Alles andere als ein Opfer

Rajko Geith, Magdalena Höfner
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Rajko Geith, Magdalena Höfner

Oldenburg - Von Rolf Stein. Es ist im Grunde die Fortsetzung des Troja-Abends, den Tim Tonndorf im vorletzten Herbst am Staatstheater Oldenburg auf die Bühne brachte. Schließlich machte sich Odysseus nach der Schlacht um Troja auf, um seine rechtmäßig ihm zugehörige Gattin mitsamt Thron wieder zu besteigen.

Moment: ein Herrenwitz? Und wenn schon. Er würde in Tonndorfs „Odyssee“ passen, die am Samstag am Staatstheater Uraufführung feierte. Nicht dass es da übermäßig zotig zuginge. Aber Tonndorf, der mit Daphne Eber aus Homers Epos eine neue Bühnenfassung gefertigt hat, schreckt auch vor Derbheiten nicht zurück.

Wer beim letzten Mal dabei war, wird sich weder darüber wundern, noch über die anderen Späße, die der Regisseur mit dem ehrwürdigen Stoff veranstaltet. Wobei sich die Sage vom tapferen Krieger auch diesmal als kaum der Ehren wert erweist, die ihr bis heute bezeugt werden. Von wegen: Odysseus als Opfer, dem die Götter übel mitspielen.

Diese Lesart dekonstruiert Tonndorf ganz unverblümt: Schon der Einmarsch des Ensembles ist eine Demon-stration. Diana Ebert, Magdalene Höfner, Agnes Kämmerer, Nientje Schwabe, Rajko Geith, Pirmin Sedlmeir und Jens Ochlast, die im Prinzip jeder beinahe jede Rolle übernehmen, tragen Schilder mit Sätzen wie: „Hütet euch vor dem Mythos!“ Zu dem fällt Tonndorf eine ganze Menge ein. In einem Gebirge aus Holzkisten, die bis in den Bühnenhimmel ragen, lässt er im schon bekannten Geschlechtlein-wechsel-dich-Modus neben allerlei diskursiven Elementen die Geschichte erzählen, mal von einer Kinderstimme aus dem Off, mal im gut einstudierten Chor auf der Bühne. Und das Publikum darf anfangs per einfacher Abstimmung entscheiden, ob es die Story mit dem historisch natürlich nur dürftig belegbaren trojanischen Pferd mitnehmen will oder nicht – „sind doch nur fünf Minuten mehr“. Was bei gut drei Stunden in der Tat kaum noch ins Gewicht fällt.

Ein bisschen Pegida, ein bisschen Leitkultur, ein bisschen Alternativlosigkeit, die Kritik doppelter Maßstäbe und Foucault, der hier, dem Geist des Unternehmens gemäß Foucalteles heißt, sind sorgsam eingearbeitet, zum Vergnügen des Publikums. Auch wenn die kritische Botschaft sich schon bald erschlossen hat.

Die nächsten Vorstellungen: Sonntag, 6. März, 18.30 Uhr, Samstag, 12. März, Mittwoch, 16. März, Mittwoch, 23. März, jeweils 20 Uhr, Staatstheater Oldenburg, Kleines Haus.

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