Syker Vorwerk zeigt Arbeiten von Rana Matloub

Heimat und ihre Gesichter: Tomaten wie wir

Kuratorin Nicole Giese (l.) und die Künstlerin Rana Matloub am kreuzförmigen Tomatenkübel. Alles, was reif ist, darf von den Besuchern natürlich auch gegessen werden. - Foto: Heinfried Husmann
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Kuratorin Nicole Giese (l.) und die Künstlerin Rana Matloub am kreuzförmigen Tomatenkübel. Alles, was reif ist, darf von den Besuchern natürlich auch gegessen werden.

Syke - Von Mareike Bannasch. Was ist Heimat? Ein Ort, an dem wir uns geborgen fühlen? Ein Geräusch oder vielleicht ein Geruch, der Erinnerungen an längst vergangene Zeiten weckt? An damals, als Oma die weltbesten Pfannkuchen mit richtig viel Butter und knackiger Kruste backte. Und was passiert überhaupt, wenn wir sie gefunden haben, diese Heimat? Sind wir dann angekommen und kann man das überhaupt, ankommen?

Fragen, die im Mittelpunkt der neuen Ausstellung im Syker Vorwerk stehen. Unter dem Titel „Heimat | en“ widmet sich die deutsch-irakische Künstlerin Rana Matloub beeindruckend und durchaus biografisch geprägt dem aufgeladenen Heimatbegriff. Dabei geht es ihr nicht um Kritik an der arabischen oder westlichen Kultur, ganz im Gegenteil: Rana Matloub hat sich aufgemacht, kulturelle Zuschreibungen mittels Kunst zu überwinden.

Dafür nutzt sie nicht nur Installationen, Videos und Zeichnungen, sondern auch Pflanzen. So spielen ab Sonntag in den Räumen des Vorwerks Tomaten eine gewichtige Rolle – als Symbol für jeden Einzelnen von uns. Ja, richtig gelesen: Sie sind eine Tomate. Ich übrigens auch. Ein Vergleich, der zunächst sehr bemüht scheint. Aber eben nur auf den ersten Blick. Auf den zweiten sind die drei Installationen mit dem Titel „Grüne Tomaten“ eine intelligente Parallele zu den Menschen, die jeden Tag auf der Suche nach ihrer Heimat sind. Aus welchen Gründen auch immer.

Rot nur unter bestimmten Bedingungen

Sie alle sind wie die grünen Tomaten, die auf einer großen Acrylglasplatte auf dem Boden liegen. Von der Mutterpflanze getrennt, ist es durchaus möglich, dass sie noch rot und damit genießbar werden – allerdings nur unter bestimmten Bedingungen. Und vor allem mit Zeit und Geduld – eine Tomate reift eben nicht über Nacht. Genauso wie ein Mensch nicht von heute auf morgen an einem neuen Ort heimisch wird. Eine Aussage, die sich an all jene zu richten scheint, die von Flüchtlingen erwarten, dass sie am besten sofort fließend Deutsch sprechen und die westliche Kultur verinnerlichen.

Matloub bietet aber nicht nur bereits gepflückte Tomaten zum Verzehr an – alles, was rot ist, darf von den Besuchern gegessen werden – sondern hat die Nachtschattengewächse auch in zwei Kübel gepflanzt. Einer von ihnen, eine Sternform, steht auf dem Balkon, während ein Kreuz drinnen in einem Raum der Ausstellung Platz gefunden hat. Religiöse Symbole, die natürlich nicht zufällig ausgewählt sind. Sie dienen als Verweis auf die westliche und die arabische Welt – und deren Glaubensgemeinschaften, die mehr gegen- als miteinander agieren.

Muster stehen für göttliche Ordnung

Dass das nicht immer der Fall sein muss, zeigt sich in der Arbeit „Der größte gemeinsame Nenner“, bestehend aus einem Muster aus Betonelementen. Muster, die weit mehr als reines Dekor sind, sondern vor allem im arabischen Raum für die göttliche Ordnung stehen. Aus der Mathematik abgeleitet, umgehen sie das Bilderverbot des Korans, sind äußerst komplex und zumindest für den Laien undurchschaubar.

Es geht jedoch nicht nur darum, hier einfach nur Muster weiterzugeben. Innerhalb der Zwischenräume sind zwei Formen erkennbar – ein im Islam oft verwandter achtzackiger Stern und das Kreuz der Christen. Allerdings sind sie noch nicht vollständig, weisen Lücken auf. Das wird sich im Vorwerk auch nicht mehr ändern, aber auf der Wiese dahinter.

Dort erstellt Rana Matloub in den kommenden Wochen eine Bodenarbeit als Pendant zur Ausstellung, die direkt in Beton gegossen wird – und für immer eine Heimat im Skulpturengarten gefunden hat. Wo ihre Heimat ist, darüber ist sich Rana Matloub derweil nicht wirklich sicher. Zumindest im Gespräch, denn beim Gang durch die Schau wird deutlich: Sie hat sie längst gefunden – in der Kunst.

„Heimat | en“, bis 8. Oktober im Syker Vorwerk. Die Plastik wird am 20. August im Skulpturengarten eröffnet.

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