Die Gambistin Hille Perl über das Festival „Musicadia“ im Bremer Sendesaal

Tolle Typen aus dem alten Osten

Die Gambistin Hille Perl steht beim Festival „Musicadia“ auf der Bühne.
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Die Gambistin Hille Perl steht beim Festival „Musicadia“ auf der Bühne.

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. „Musicadia“ – das ist ein wesentlicher Bestandteil der jüngeren Sendesaal-Historie in Bremen. Das Festival für alte Musik startet morgen zum dritten Mal.

Im Gespräch mit dieser Zeitung erläutert Gambistin Hille Perl, Leiterin der kleinen Konzertreihe, ihre Programmauswahl und wie alte Musik aus dem Nahen Osten klingt.

Frau Perl, wer macht das Programm des Festivals und wie wird es finanziert?

Hille Perl:Die Tonmeisterin Renate Wolter-Seevers und ich. Wir suchen immer ein kleines Thema, das wir dann mit Produktionen kombinieren, die ohnehin gerade entstehen. Das ist in diesem Jahr die Niobe-Produktion des Ensembles „Boston Early Musik“, die auf dem Bostoner Festival 2011 eine vielumjubelte Aufführung war. Die Finanzen sind mager und schwierig, Deutschlandradio Kultur hat das vierte Konzert gekauft, Radio Bremen macht Mitschnitte, und da Izmir die Partnerstadt von Bremen ist, werden von der Türkei die Flüge bezahlt. Meine Arbeit an der Hochschule steckt da drin – Geld kommt von der Hochschule nicht. Wir rechnen allerdings mit nennenswerten Einnahmen.

Auf welchen Überlegungen beruht die Zusammenstellung des Programms?

Perl:Wir versuchen, verschiedene Aspekte zu vereinen. Das sind einmal internationale Künstler, dann regionale und besonders auch Studenten. Das Thema ist dieses Jahr höfische Musik. Wir wollen zeigen, dass diese auch unsere Musik ist – in dem Sinne, dass ihre Qualität unsere Kultur ist. Wenn man nur sagt, das Niveau belebe Machtansprüche, so ist das viel zu wenig: Die Hofmusiken waren Essenz, nicht Beiwerk.

Die Musik Agostino Steffanis dürfte den meisten allenfalls durch eine Aufnahme von Cecilia Bartoli bekannt sein. Was hat zur Entscheidung für „Königin Niobe“ geführt?

Perl:Die schon vorhandene Produktion. Steffani hat mehrere Opern für Hannover geschrieben, „Königin Niobe“ wurde dort aufgeführt. Es geht da um den Missbrauch der Macht. Niobe wird dafür von den Göttern Apoll und Artemis bestraft, indem ihre Kinder umgebracht werden. Der Schmerz ihres Mannes, der sich tötet und ihr eigener Schmerz, der sie zu Stein erstarren lässt: Das ist die Vorlage für eine ungemein reiche Instrumentierung, für atemberaubende Klangfarben.

Das zweite Konzert mit den westöstlichen Palastmusiken will die Gemeinsamkeiten der Kulturen zeigen. Die Interpreten sind neben Ihnen und dem Lautenisten Lee Santana das erste Barock-Ensemble in der Türkei – „Izmir-Barock“.

Perl:Das ist eine tolle Geschichte. Die Türken hatten uns eingeladen: Dort gibt es klassische Musiker, die anfangen, sich für Aufführungspraxis zu interessieren. Dann kümmerten sie sich um ihre eigenen Quellen. Sie spielen ihre Musik neben den osmanischen Instrumenten Hackbrett, Harfe und Rabab, auch auf unseren Instrumenten; eine Sängerin singt diese Lieder mit fantastischen Texten – wir vermischen das alles. Es ist wichtig, dass wir diese Verbindungen pflegen. Das sind tolle Typen.

Die Beteiligung des Studenten-Ensembles „Bremer Barock Consort“: Ist das einem kleinen Etat zu verdanken, oder ist die Einbeziehung der studentischen Arbeiten Konzept und Programm?

Perl:Einmal ist ja die Hochschule für Künste offizieller Partner. Mir ist es allerdings auch wichtig, zu zeigen, auf welch hohem Niveau hier Musik gemacht wird. Die alte Musik ist ja weit über die Hälfte Hofmusik. Wir mischen elisabethanisches England mit der Musik der Höfe von Versailles und Friedrich dem Großen.

Im Abschlusskonzert mit der kaiserlichen Hochzeitsserenade wird die Musik gespielt, die 1666 anlässlich der Hochzeit der spanischen Infantin Margarita Teresa mit dem Habsburger Kaiser Leopold I. komponiert wurde: Auftragskompositionen, funktionale Musik oder Gelegenheitsmusik?

Perl:Es war ja normal, dass man zu Anlässen Musik komponierte. Niemand der Herrschenden war musikalischer Ignorant, Musik gehörte einfach zum Menschsein dazu. Für die Frage nach der Qualität gilt dann eher das Gegenteil. Genau weil diese Musik Nationen verbinden sollte, kam es darauf an, sich bestmöglich darzustellen.

Freitag, 15. November, 20 Uhr Agostino Steffani, „Niobe“: Boston Early Music. 16. November, 20 Uhr: West-östliche Palastmusiken: Izmir-Barock, Hille Perl und Lee Santana. 17. November, 11.30 Uhr: Musik an europäischen Höfen: Ensemble Bremer Barock Consort, 18 Uhr: Kaiserliche Hochzeits-Serenade: Ensemble Chelycus.

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