„The Schwarzenbach „im Bremer Theater

Tönende Theorie

Bremen - Von Tim Schomacker. Die Band kehrt nach dem Applaus auf die Bühne zurück. Offenbar beginnt das Stück instrumental, Dietmar Dath, der Sänger, kniet neben dem Mikro-Ständer.

Dann steht er doch noch einmal auf, sagt: „Rundgang um die transzendentale Säule der Singularität“. So heiße das Stück, sagt er. Und grinst. Nein, so heiße es in Wirklichkeit gar nicht. Kniet sich wieder hin. Und lässt die anderen drei von „The Schwarzenbach“ mit der Zugabe beginnen. Ein Geistesblitz. Allem Anschein nach komplett uninszeniert. Gleichwohl szenisch, weil der Moment ja auf einer Theaterbühne stattfindet, wo The Schwarzenbach gerade ihr Konzert beenden. Es ist eine Band, die der Schriftsteller und Sozialtheoretiker Dietmar Dath mit dem Ambient-Impro-Trio „Kammerflimmer Kollektiv“ gegründet hat.

Das plötzliche Aussprechen eines Gedankens zeigt, Dath ist nicht Sänger – nur weil er (auch) Teil einer Band ist. Ein bewegtes Bild entsteht für das, was man vor dem Konzert, als Dath sich im Foyer zwei Stunden mit dem Theater-Dramaturgen Tarun Kade unterhielt, als Sprache hören konnte: schnelles gedankliches Reagieren.

Der 1970 geborene Dath gehört zu den spannendsten, ausdauerndsten Intellektuellen hierzulande. Dath berichtet, wie er als 13-Jähriger seine „erste Begegnung mit dem Phänomen Stil“ machte; als er nämlich wusste, dass die Hauptfigur einer Kurzgeschichte am Ende tot war. Obwohl es nicht dastand. Berichtet, warum er für seinen aktuellen Roman „Pulsarnacht“ ins Weltall und 500 Jahre in die Zukunft reisen musste, um zu erzählen, wie Beziehungen unter vermittelten Verhältnissen, „oder, ums gradheraus zu sagen: ob Beziehungen per SMS“ funktionieren. Er erzählt, was Kollaborationen für ihn bedeuten. Jene mit der Jugendfreundin und angesehenen Chemikerin Barbara Kirchner, mit der er im Buch „Der Implex“ nicht weniger versucht, als eine Geschichte des sozialen Fortschritts. Oder mit einem Comiczeichner, dem er nur die Dialoge geschickt habe, und der dann – Dath hält die klarlinige Zeichnung einer am Holzdielenboden kauernden Frau aus den Druckfahnen hoch – für den zentralen Konflikt der Geschichte eine Variante gefunden habe, die „stimmt, aber auf die ich gar nicht gekommen wäre“.

Weil sich schließlich Kade nicht auf die Rolle des Fragestellers zurückzieht, sondern gemeinsame Überlegungen anstrengt mit seinem Gast, ist auch diese Folge der Reihe „Das unendliche Gespräch“ eine Kollaboration – wenn auch nur für kurze Zeit. Mehr jedenfalls als Unterhaltsames aus dem Kulturbetrieb, dafür zeigen sich beide Seiten tatsächlich als um klare Positionen bemüht (das ist Arbeit) – und zugleich verletzlich, zweifelnd.

„Wo ich heute bin, wollt ich immer hin“, singt Dath später nebenan auf der Konzertbühne. Vielleicht ist es ganz gut, dass Dath bisher die Musik aus journalistischer Halbdistanz betrachtet und den ersten jemals in der F.A.Z. erschienenen Text über ein Konzert der britischen Rocker „Motörhead“ geschrieben hat. Im Text erscheinen Daths Gedanken hilfreicher und antippender als im Songformat. Da mag die Kritik noch so viele Bowies und Lou Reeds zum Stimmvergleich heranziehen. Lyrisch ist „The Schwarzenbach“ enger als viele andere Kollaborationen oder Einzeltitel ihres Sängers. Musikalisch interessante Momente entstehen, wenn sich das Quartett, an „Velvet Underground“ erinnernd, vom Song löst und eher klangliche Situationen schafft.

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