Todbringendes Irrlicht

Anna-Sophie Mahler spricht über ihre Inszenierung von Dvoráks „Rusalka“

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Rusalka die Meerjungfrau.

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. „Rusalka“ ist Antonín Dvoráks erste und einzige Oper, mit der er international nachhaltigen Erfolg erzielen konnte. 1900 komponiert, 1901 uraufgeführt, erzählt das „lyrische Märchen“ die Geschichte einer Nixe, die sich in einen Menschen, den badenden Prinzen, verliebt. Mithilfe einer Hexe wird sie zu einem Menschen, bezahlt aber die Verwandlung mit dem Verlust ihrer Stimme. Doch die ersehnte Beziehung zum Prinzen scheitert. Am Theater Bremen inszeniert Anna-Sophie Mahler „Rusalka“ und gestaltet damit nach „Carmen“ und „Maria Stuarda“ zum dritten Mal in Bremen eine große Frauengestalt der Opernliteratur.

Jemand anders sein zu wollen, ist ja ein zutiefst zeitloses Thema. Nymphen gibt es schon in der griechischen Mythologie. Wie gehen Sie das Thema an?

Anna-Sophie Mahler: Wir haben lange überlegt, wie wir das übersetzen können, was Rusalkas Probleme sind, ihre Nöte. Der Schlüssel für mich war schließlich die Beziehung zum Wassermann, ihrem Vater: Rusalka will raus, ihre eigenen Wege gehen, der Wassermann kann seine Tochter aber nicht gehen lassen. Sie liebt den Vater, er sie auch, aber eher auf eine sehr übergriffige und besitzergreifende Art. Diese ambivalente Beziehung ist in meiner Lesart auch der Grund, weshalb sie in der Menschenwelt nicht sprechen kann. Das gibt es ja tatsächlich aufgrund traumatischer Erlebnisse oder übermäßiger Stresssituationen. Deswegen kommen wir in unserer Deutung auch von der Märchenwelt weg und erzählen Rusalkas Geschichte als eine des Erwachsenwerdens, als Weg einer schmerzhaften Loslösung von der Familie hin zur Eigenständigkeit. Die Natur steht somit bei uns für die Wurzeln, die Heimat, die Familie. Für die Wasserwelt haben wir deshalb einen Dachboden entworfen, als Bild für einen Ort der Kindheit, aber auch als Speicher, in dem Erinnerungen aufbewahrt sind, die Rusalka nicht loslassen. Von diesem Dachboden aus gehen wir mit Rusalka auf die Reise, die sich durch die Liebe zum Prinzen Erlösung aus ihrer Situation erhofft. Doch diese Liebe stellt sich als Illusion heraus: Sie kann in der Realität nicht bestehen.

Jaroslav Kvapil schrieb sein Libretto nach einem Märchen von Hans Christian Andersen ein Jahr nach Sigmund Freuds „Traumdeutung“ – hat das für Sie eine Bedeutung?

Mahler: Freud hat eine extreme Auswirkung auf unseren Ansatz. Er bezeichnet ja die menschliche Seele auch als Haus. Und so ist das Haus, das bei uns auf der Bühne zu sehen ist, nicht nur ein reales, sondern vor allem auch Rusalkas Seelenhaus.

An was genau scheitern Rusalka und der Prinz?

Mahler: An der Illusion. Sie kennen sich ja gar nicht und lernen sich – schon wegen Rusalkas Stummheit – bis zum Schluss nicht kennen. Im Prinzip haben sich die beiden immer nur ein Bild voneinander gemacht und können nicht anders, als sich nur aneinander vorbei zu lieben. Das Gegenbild zu Rusalka ist die Fremde Fürstin, die den Prinzen verführt: Sie hat und kann alles, was Rusalka nicht hat und kann. In unserer Deutung ist sie deshalb die leibhaftige Verkörperung von Rusalkas Ängsten.

Welche Rolle spielte für die Konzeptionsfindung die Musik, mit ihren Leitmotiven an Wagner geschult, mit ihrer Verwurzelung im tschechischen Volkslied, mit ihrer berückend sensiblen Gestaltung einer charakeristischen Aura?

Mahler: Die Musik erzählt mir beispielsweise alles über diese Vater-Tochter-Beziehung. Das Wassermannmotiv erklingt immer wieder in verschiedensten Situationen. Es zeigt, wie Rusalka innerlich von ihm besetzt ist und er ihr jegliche eigenständige Beziehung zu anderen verunmöglicht. Aber es gibt in der Musik auch Bilder für ihre eigene Kraft: Immer wenn das Mondmotiv erklingt, schöpft sie wieder Mut. Dieser Seelenmalerei Dvoráks steht die oberflächliche Menschenwelt gegenüber, die von einer ganz wunderbaren stummen Arie von Rusalka unterbrochen wird. Es ist wie ein stummer Aufschrei Rusalkas, der nur durch das Orchester hörbar wird. Diese Machtlosigkeit kann wohl kaum deutlicher komponiert werden.

Kann man also sagen, dass die Musik den psychischen Zustand von Rusalka durchzeichnet?

Mahler: Ganz genau. Sie begleitet ihren Weg, bis sie am Ende zu einem Irrlicht wird, einer Existenz zwischen den zwei unvereinbaren Welten, das nirgendwo mehr dazugehört. Aber ganz im Gegensatz zum Libretto bekommt die Musik am Ende eine sehr hoffnungsvolle Farbe, die Anlass gibt zu glauben, dass sich Rusalka am Ende doch von all ihren Zwängen befreien kann.

Den Todeskuss nach dem Libretto bekommt der Prinz bei Ihnen nicht. An was stirbt er?

Mahler: Er stirbt daran, dass er die Illusion, die er von Rusalka hat, nicht aufgeben kann.

Welche Rolle spielt die zynische Hexe Jezibaba, die Rusalka ja zu Anfang hilft, aber sie eigentlich hasst.

Mahler: Die Hexe übernimmt eine ähnliche Funktion wie die der bösen Stiefmutter im Märchen und bildet das Gegenstück zur übergroßen und ungesunden Liebe des Wassermanns. Rusalka ist letztlich nur ein Spielball zwischen diesen beiden Polen, an denen sie zerschellt und die ihr im Grunde beide zu verstehen geben, dass sie es nie schaffen wird, ihren eigenen Weg zu gehen.

Premiere ist am Samstag um 19.30 Uhr am Theater Bremen.

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