„Als Lumpen und Ikonen“

Tocotronic: Chloroformiert, vulgär, Steine werfend

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Stilbildend und intellektuell: Tocotronic.

Hamburg / Syke - Von Pascal Faltermann. Chloroformiert, vulgär, Steine werfend, aber auch plüschophil, nach Erdbeer riechend und in dein Haar gekrallt – mit 99 Thesen umrissen Tocotronic via Twitter und Homepage ihr neues Album „Wie wir leben Wollen“ (Vertigo Berlin/Universal), das heute herauskommt.

Selbstzweiflerisch, kryptisch und verkopft beschäftigen sich die 17 Songs mit zwei verwobenen Themen: Körper und Befreiung. 

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Als was sind die Tocotronic-Musiker nicht schon alles betitelt worden. Als führend stilbildende Band des Landes, als Sprachrohr einer Verweigerer-Generation, Wegbereiter des Erfolgs der Hamburger Schule, als beste intellektuelle Band. Tocotronic lieben, heißt auch das Verschrobene lieben. Bisher war dies versehen mit Wut, durchschlagender Kraft, kräftigen Parolen, politischen Aussagen und gesellschaftlichen Kritikbrüllern. Nun fehlt die Wut in den Werken. Es wird nicht mehr kapituliert. Es geht viel mehr um den körperlichen Verfall, die Altersbeschwerden.

Frühere Werke wie „Ich verabscheue euch wegen eurer Kleinkunst zutiefst“ oder „Sag alles ab“ scheinen weit entfernt. Jetzt heißt es „Die Revolte ist in mir“ im gleichnamigen Stück oder „Kannst du mich nicht schreien hören? Ich bin hier allein. Ich will nüchtern für dich sein, um das Koma zu vertreiben.“

Die Musiker sind älter geworden. Tocotronic haben 20 Jahre auf dem Buckel. Zu diesem Bestehen erscheint das zehnte Album. Die Musik, die Kunst der Band spiegelte rückblickend immer das wider, was sie auch waren. Mal wütend und rebellisch, dogmatisch oder verzweifelt.

Das Cover des Albums.

Stets schwang die Existenzangst in den Texten mit. Jetzt heißt es: „In meinem Körper nisten die Viren, die Depressionen, die mich vernichten.“ Aber von Schwäche, Krankheit oder fehlender Kraft ist nichts zu spüren. Nein, dazu ist der Blick des Sängers Dirk von Lowtzows auf die Welt und das Leben zu scharf. Er macht weiter das, was er meisterhaft beherrscht. Er projiziert, beobachtet messerscharf und wirft den Sucher auf die Gesellschaft. Intellektuell verkompliziert der Kopf der Band die Texte, codiert sie für die meisten Hörer.

2011 schloss die Band mit „Schall und Wahn“ ihre sogenannte Berlin-Trilogie ab. Drei digital produzierte Alben, die rockig systemische Themen behandelten. „Wie wir leben wollen“ ist anders. Allein schon aufgrund der Entstehung.

Die 17 Songs haben Tocotronic mit einer analogen Kostbarkeit, einer Vierspur-Tonbandmaschine von 1958 aufgenommen. Gemeinsam mit dem langjährigen Produzenten Moses Schneider (unter anderem Beatsteaks) produzierten die Musiker das Album in den Berliner Candy-Bomber Studios im ehemaligen Flughafen Berlin-Tempelhof. Aufnahmetechniken wie bei den Beatles oder den Beach Boys, aber mit modernen Erkenntnissen und Nachbearbeitungsmöglichkeiten. Geblieben ist der Retrosound, die typische Architektur der Sounds. Statt verzerrter Gitarrenriffs ist eine Klangästhetik entstanden, die von Hall und Echo profitiert.

Das gefällt nicht jedem. Ist gewöhnungsbedürftig. Aber: Tocotronic sind mal wieder einen Schritt voraus. Nicht wie These 33: „Als massakrierte Oberlehrer“ oder 34: „Als unwissende Lehrmeister“. Vielmehr „Als Liebe machend“ und „als Lumpen und Ikonen“ der deutschen Musikerlandschaft.

Bericht zum Konzert am Montag

Am 6. März spielen Tocotronic im Bremer Modernes.

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