Tirilierend im Klangdschungel

Bokanté, Jacob Collier und das Metropole Orkest spielen beim Musikfest Bremen

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Malika Tirolien gewinnt zwar an Intonation, aber leider mangelt es ihrer Stimme an Volumen.

Bremen - Von Jens Fischer. Pastos verwirbelt es Klangfarben oder tuscht sie zart dahin, bastelt abstrakte Tongemälde neuer Musik, kann jazzig improvisieren, Schlager umsäuseln, auch zischeln, glucksen, schunkeln und mit Getöse aufbrausen – das als Rundfunktanzorchester gegründete Metropole Orkest gilt europaweit als einzige Bigband mit kompletter Streicherformation.

Bereits zum sechsten Mal gastiert es beim Musikfest Bremen – wohl auch dafür verlieh ihm der Veranstalter nun den undotierten Musikfest-Preis. Die 60 niederländischen Musikanten bedankten sich unter der Leitung von Jules Buckley mit einem Doppelkonzert im BLG-Forum.

Vom Musikfest wird das Orkestra vor allem genutzt, um Popjazz-Stars anzulocken und deren Stimmen mit einem eigens arrangierten Soundtrack zu besonderer Wirkung zu verhelfen. Am Samstagabend steht nun ein Projekt des Snarky-Puppy-Masterminds Michael League auf der Bühne: Bokanté, acht Musiker aus fünf Ländern, die im Juli schon beim Oldenburger Kultursommer mit einem kreolischen Mix aus karibisch angehauchter afrikanischer Musik, Blues, Funk und Jazz aufspielten.

In Bremen inszenieren drei Perkussionisten und ein Bassist erneut einen geschmeidig prickelnden, metrisch höchst komplexen Groove. Eingestreut werden Gitarrensoli mit mal rockiger Geläufigkeit, mal jazziger Eleganz oder in Lap-Steel-Manier als raue Exkurse eines Dobro-Spielers. Nach und nach gewinnt auch die aus Guadeloupe stammende Sängerin Malika Tirolien an Sicherheit und anmutiger Intonation, nur an Volumen mangelt es ihrer souligen Jazz-Stimme. 

Es wird rokokoesk aufgemotzt

Da kommt das Orkestra ins Spiel: Es legt Streicherschmelz oder düstere Klangwolken über die filigranen Rhythmusgeflechte und plustert Gesangslinien. Allerdings erstickt es dabei die klar und vital akzentuierende Band. Etwas besser funktioniert die Kooperation, wenn violinierte Schnörkel oder Holzbläserclownerie appliziert, ein fetter Bläsersatz eingefügt – also rokokoesk aufgemotzt wird. Aber nie bringt das Orkestra die Band zum Schweben und diese nie das Orkestra zum Klangtanzen. Es ist halt der Uraufführungsabend, vielleicht entwickelt sich die notwendige Leichtigkeit noch.

Prima passt aber alles beim anschließenden Konzert mit Springinsfeld Jacob Collier zusammen. Er irrwischt durch den Saal sowie zwischen Bass, Gitarre, diversen Tasteninstrumenten und seinem Vokalharmonizer hin und her. Letzterer kann jede hineingesungene Note in zwölf verschiedenen Tonhöhen wieder ausspucken. Wobei Collier zwischen Brust- und Kopfstimme changiert. 

Während das Orchester mit impulsiver Wucht die von ihm angedeuteten Songstrukturen nicht übermalt oder geschmückt, sondern elementar gestaltet – Was seine irritierend dünne, irisierend knabenhelle Intonation zauberhaft kontrastiert.

Am Klavier klingt Collier wie ein Disney-Musiker

Gerade wenn sich Collier in Crooner-Manier ans Klavier setzt, klingt es wie Musik zu einem Disney-Musical, wo ja immer wieder süße Tierkinder durch Märchenurwälder trippeln – und dabei mit kindlich erblühendem Gesang durch einen Klangdschungel tirilieren.

Bisher kämpfte Collier immer allein mit den Wall of Sounds, spielte dank Loop-Technik seine Lieder live als Ein-Mann-Orchester – nun sucht und findet er pulsierendes Miteinander. Denn das Orkestra artikuliert dynamisch den Rhythmuspart, weiß seine Kompositionen höchst dramatisch zu inszenieren, aber auch Balladeskes in opulenten Klanggewändern auszudifferenzieren. Was darüber hinwegtröstet, dass Colliers Songwriting kaum originelle Ansätze aufweist, eben juvenile Popmusik ist. 

Als Zugabe singt Collier eine Viertelstunde mit dem verzückten Publikum Paul McCartneys „Blackbird“ und wiederholt wieder und wieder folgenden Textzeilen: „Singing in the dead of night“ – „only waiting for this moment to arise“. Wie geschaffen fürs Disney-Gefühl.

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