Till Brönner und Dieter Ilg in Bremen

Mehr als nur Fundament

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Till Brönner (l.) und Dieter Ilg im rosa Nebel.

Bremen - Von Ulla Heyne. Zwei Musiker, eingehüllt in rosa Nebelschwaden, aus dem Off wummern Synthesizer-Beats, dazu gibt es live den zehn Jahre alten Britney-Spears-Hit „Scream and Shout“ – ist das noch Jazz? Zumindest sind die beiden Herrn, die sich am Donnerstagabend in Bremen ein Stelldichein geben, große Namen der deutschen Jazzszene.

Egal, ob man die Frage bejahen mochte: Was das Aushängeschild des deutschen Jazz Till Brönner und sein langjähriger Freund Dieter Ilg auf der Bühne der nahezu ausverkauften Glocke darbieten – es macht Spaß. Gewiss, auch an einigen Jazzklassikern von Charlie Parker oder Ornette Coleman arbeiten sich der renommierte Trompeter und sein kongenialer Counterpart am Kontrabass ab. Spannend wird die Zusammenarbeit aber vor allem, wenn sich die beiden Hochkaräter nach vielen gemeinsamen Tourneen auf ihrem ersten gemeinsamen Album „Nightfall“ lustvoll anderer Genres bedienen. Von Crossover zu sprechen, würde dem neuen Album jedoch Unrecht tun. Vielmehr machen sich Ilg und Brönner das Material, von Klassik über Swing und Musical bis Pop, zu eigen. So prägen sie den Leonard-Cohen-Song „A Thousand Kisses Deep“ ebenso mit ihrem eigenen Stempel wie Jerome Kerns „Nobody Else But Me“.

Weniger fein dosiert nehmen sich Brönners Ansagen aus (Ilg beweist leider erst zur Zugabe, dass er nicht nur mit einer Stimme, sondern auch feinem Humor ausgestattet ist). Beim ersten Mal mag man sich noch über Querschüsse gegen Andrew Lloyd Webber amüsieren – nach dem dritten Mal regt sich im Publikum leichter Unmut. Hat der Brönner, der einen Jazz-Echo nach dem anderen einheimst, als wohl einziger deutscher Jazzer an der Spitze der Pop-Charts steht und auch als Model und Fotograf keine schlechte Figur macht, Verbalattacken und flaue Bassistenwitze nötig?

Dabei ist, was Bassist Ilg beisteuert, hochkomplex. Brönner hat recht, wenn er meint: „Wozu mit einer Bigband touren – ich habe doch eine dabei!“ Dabei braucht Ilg keine Loops – er lotet die Möglichkeiten seines Instruments mit Klopfen, Streichen und sogar Quietschen aus. Der zurückhaltende Begleiter geht wie auf Knopfdruck solistisch ab und steht „Rampensau“ Brönner weder in puncto Virtuosität noch in Sachen Groove oder Ideenreichtum nach. Leichthändig zupft er sich durch Colemans „The Fifth of Beethoven“ , als wären seine Finger ein Bienenschwarm, verliert jedoch nie das große Ganze aus dem Blick. Den Beatles-Song „Eleanor Rigby“ zerpflückt er, um ihn fragmentarisch improvisiert neu zusammenzusetzen. Auch McCartney, dessen Stimme Brönner wunderbar sensibel ersetzt, bekommt sein Fett weg: „Beim neuen Album dachte ich: Gar nicht so – gut!“ Vielleicht will Brönner zwischen intellektuellen Kommentaren und Kollegenschelte zu viel. Wenn er jedoch die Trompete ansetzt, schmilzt jeglicher Vorbehalt: mal lässig-lasziv, mal experimentell, rockig oder lustvoll-zickig, immer wieder mit dezenten Loops, die für einen coolen New Yorker Clubsound sorgen.

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