Zwei Künstler kehren zurück: Heinrich Brockmann und Hein Spellmann in Syke

Tiger auf der Achse

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Krieg als Spiel, Spiel als Krieg: Heinrich Brockmann (l.) und Hein Spellmann beim Aufbau ihrer Installation. ·

Syke - Von Johannes BruggaierSie schwärmen von „magnetischer Verdichtung“ und von „Kraftfeldern“. Zufällig entstandenen Landschaftsformen und Gebäudeanordnungen sprechen sie mystische Symbolik zu. Es mutet mitunter reichlich esoterisch an, was Heinrich Brockmann und Hein Spellmann ihrem Publikum im Syker Vorwerk zumuten. Doch wer ihre Ausstellung „Delta Tigers“ besucht, stellt fest: Da ist was dran.

„Delta Tigers“, so nannte sich einst die Mannschaft eines US-Bataillons, das am „Hohen Berg“ bei Syke stationiert war. Von der kleinen Erhebung kontrollierte man von 1973 bis zum Ende des Kalten Krieges die Lage. 58 Meter über dem Meeresspiegel: Das bedeutete im Flachland ideale Bedingungen für die Radargeräte.

Während auf der Anhöhe Militärs nach Signalen jenseits des Eisernen Vorhangs lauschten, büffelten im Syker Gymnasium zwei Jungen Vokabeln. Brockmann und Spellmann, die beiden Schulkameraden von einst, verließen Mitte der Achtziger ihre Heimat, um in Berlin als Künstler zu arbeiten. Unabhängig voneinander, jeder auf seinem eigenen Weg.

Die Einladung zu einem Klassentreffen, sagen sie, habe sie kürzlich wieder zusammengeführt, zwei Künstler in Berlin, die scheinbar nicht mehr miteinander verbindet als ihre gemeinsamen geografischen Wurzeln. Doch liege in eben diesen Wurzeln und ihren Ausläufern nach Berlin eine historische Konsequenz begründet. Bremen, sagt Brockmann, habe schließlich schon immer als eine Art Vorort der Hauptstadt fungiert. Wer aus Übersee in die Metropole gelangen wollte, musste in Bremerhaven anlegen. Und umgekehrt: Wen es von Berlin aus in die Ferne zog, hatte zunächst eine Reise an die Weser zu bewältigen. Von einer „Achse New York, Bremen, Berlin“ spricht Brockmann deshalb, und die „Delta Tigers“ kennzeichneten für fast 30 Jahre ihren Mittelpunkt.

Es war am Ende diese Achse, welche die beiden Künstler mehr interessierte als ein nostalgisches Treffen mit den Klassenkameraden von einst. Und als sie ihre Heimat noch ein wenig genauer studierten, entdeckten sie viele weitere Achsen: historische und geografische, verblüffende Anordnungen von Raum und Zeit.

Im zentralen Raum ihrer Ausstellung ist das zu erleben, wenn sich Lego-Soldaten in einer Landschaft aus Sand und Gestein für die Eroberung einer Tiefebene rüsten. Unten lässt Tonerde an den Verlauf der Weser denken, hinten deckt eine Plane das Geschehen vor ungebetenen Beobachtern ab.

Eine kindlich naive Szenerie offenbart sich in dieser Installation, hinge da nicht ein Dokument aus der Endphase des Zweiten Weltkriegs an der Wand. Das Foto zeigt eine britischen Einheit beim Planspiel – Soldaten bereiten im Sandkasten ihren Angriff auf Brinkum-Leeste vor. Wohlstandssymbole aus behüteten Kinderzimmern begegnen hier ihrer eigenen historischen Bezugsgröße. Derweil berichten in einem rechts platzierten Fernseher „Kreisfilmschau“-Streifen der siebziger Jahre von den heiteren Sportevents der Jugend. Fahren, schießen, laufen – 25 Jahre nach Kriegsende ist das bloß noch eine heitere Form der Körperertüchtigung. Der Krieg als Spiel, das Spiel als Krieg: ein unheimliches Wechselverhältnis über die Zeiten hinweg.

Auf eine zweite Beziehung weist ein im Stil von Brockmanns Lehrer A.R. Penck gestalteter Adler an der Wand hin. Vom Hohen Berg nämlich lässt sich eine gerade Linie zum Weyerberg bei Worpswede ziehen und damit zu Bernhard Hoetgers „Niedersachsenstein“, dessen Gestalt bekanntlich an einen Adler erinnert. Auf eben dieser Linie liegt: der Fallturm an der Uni Bremen. Darin: „Der fallende Mann“, ein Bild von A.R. Penck. Kann das alles Zufall sein?

Und noch mehr Verbindungen tun sich auf in Brockmanns und Spellmanns Ausstellung. So verbindet ein Video die Radarstation vom Hohen Berg mit dem Berliner Teufelsberg. Die höchste Erhebung der alten spiegelt sich mit dem höchsten Punkt der neuen Heimat: beides Orte des Kalten Krieges, jeweils ausgestattet mit Radaranlagen.

Oben dann, im zweiten Stock, trennt sich das Duo – der eine vom anderen und alle beide von ihrem Thema, von der Heimat, dem Krieg, den „Delta Tigers“. Und doch ist auch das nur ein äußerer Anschein.

Wenn Brockmann etwa in seinen Gemälden „Uwes Wiese“ beschreibt, so meint er damit die Träume des jungen Uwe Ludwig Horn. Er meint ein Kind aus Nordenham, das in der ihn umgebenden Landschaft Tiere sah. Er meint einen Jungen, der im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs zur Welt kam und in diesem Trauma später seine Fähigkeit begründet sah, mit Tigern sprechen zu können. Der Junge nannte sich schließlich Roy und trat in Amerika mit weißen Tigern auf. Bremen als Bezugspunkt zu Amerika, die „Delta Tigers“ in der Heimat, die Kriegserfahrung als auslösendes Moment: Da sind sie dann doch wieder, die immer gleichen Verbindungen dieser Region, das „Kraftfeld“ und die „magnetische Verdichtung“.

Erst beim Betrachten der Objekte von Hein Spellmann wird so etwas wie eine Loslösung von dem eng abgesteckten Symbol- und Metaphernspektrum spürbar. Zwar zeigt sich auch in seinen zu kleinen Mastställen umfunktionierten Discounter-Kartons eine kritische Reflexion des Heimatbegriffs. Doch findet sie hier fernab vom Kontext „Krieg und Frieden“ statt. In einem überzeugend konzipierten Projekt ist diese Abweichung vielleicht ein kleiner Schwachpunkt.

Das ändert jedoch nichts an der eindrucksvollen Assoziationsdichte, mit der diese Befragung von heimatlicher Geschichte aufwartet. Wer sich auf die Spurensuche von Brockmann und Spellmann einlässt, wer in der Folge auch ihre Ästhetik begreift, den wird diese Ausstellung nicht so schnell loslassen.

Bis 15. Januar im Syker Vorwerk. Öffnungszeiten: Samstag 14-18 Uhr, Sonntag 11-18 Uhr.

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