Tier macht den Meister

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Meister wollen sie alle werden, Bäckerlehrlinge wie Autotüftler, Bundesligakicker wie Handballprofis. Was aber ist das, eine Meisterschaft? Für den Maler Francis Bacon war sie vor allen Dingen eines: ein Bekenntnis zum Unvermögen.

Entgegen dem verbreiteten Irrglauben, wonach sich ein wahrer Meister durch annähernde Perfektion auszeichne, verwies Bacon auf das Moment des Zufalls. Ohne das Unberechenbare nämlich wären die Welt, die Kunst und letztlich wohl auch das Leben nichts weiter als gepflegte Langeweile. Erst wer es versteht, sich bei allem handwerklichen Können das eigene Nicht-Wissen zu erhalten, gelangt zu wahrer Meisterschaft.

Am Donnerstagabend hat Samir Akika seine neue Choreografie „The Pin“ am Theater Bremen vorgestellt. Der Titel soll aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen auf die Zielmarkierung beim Golf anspielen. Doch das eigentliche Thema dieses Abends ist jenes Ringen um die Idee von „Meisterschaft“: das Streben nach Vollkommenheit und die Gnade der Inspiration.

Auf der Bühne des Kleinen Hauses wartet ein mit Kunstrasen ausgelegtes Podest auf seine Bespielung. Ein paar Meter höher sehen wir ein zweites Stück Rasen: eine idyllische Hügellandschaft mit blauem Himmel auf einem schräg über der Bühne installierten Videoscreen. Rechts wird das Original dazu sichtbar, eine Modellbaulandschaft im Miniaturformat, mittels Kamera live auf die Videowand übertragen.

Die Spielzeugwelt ist die zweite Bühne dieses Abends. Unter Einsatz von Taschenlampen und Ventilatoren wird sie mal herbstlich stürmisch anmuten und mal sommerlich gewittrig. Vor allem aber wird ihren Mittelpunkt beständig ein Zielfähnchen markieren: ein Golfplatz ohne Golfspieler also, einsame Referenz an die Kultur des sportlichen Wettkampfs.

Auf der großen Bühne nebenan liefern sich derweil sechs Figuren einen eigenen Wettkampf. Es geht um die Ehre der Meisterschaft, um den Ehrgeiz nach einem Zustand der absoluten Fehlerlosigkeit. Das geschieht mal miteinander in einer Synchronshow nach Boygroup-Art und mal in völliger Abgeschiedenheit. Dann nimmt sich Gabrio Gabrielli in seinem Bemühen um den vollendeten Körperausdruck ausgerechnet einen Flachbildschirm zum Spiegel: dieses schier unerreichbare Zeugnis medialer Hochglanzästhetik.

Wir verfolgen Menschen im Banne vermeintlich göttlicher Ingenieurskunst. Wie sie Ballone an Seilen durch die Lüfte sausen lassen und mit Wagenheber den eigenen Körper emporstemmen. Der münchhausenhafte Kampf gegen die Macht der Naturgesetze findet seinen Höhepunkt schließlich in einer Perpetuum-Mobile-Version des Selbstmords. Während die rechte Hand den Galgenstrick festhält, versucht der übrige Körper, sich mit dem Kopf voran in die Schlinge hineinzuwuchten.

Überhaupt ergibt das agonistische Treiben manch eindrucksvolle Bilder: etwa wenn Frederik Rohn im Streben nach dem Übermenschlichen versehentlich an der Evolutionsuhr dreht und sich plötzlich in den Zustand einer kriechenden Kreatur zurückversetzt sieht. Gequält robbt er dem Mikrofon hinterher, das Pin-Chieh Chen als Köder über die Bühne schleift. Gleichwohl hat es den Anschein, als könnte in diesem tierischen Dasein das Gesuchte verborgen liegen, der entscheidende Impuls zur Meisterschaft jenseits des bloßen Handwerks. Und tatsächlich: Kaum baumelt der Köder des Tierischen an Pin-Chieh Chens eigenem Körper, entwickelt sie eine packende Improvisation, angetrieben von Fluchtinstinkt und Freiheitstrieb. Übung macht den Meister? Von wegen: Es ist das kulturelle Unbehagen!

In Episoden wie dieser zeigt sich der epische Anspruch der Choreografie: ein Anspruch, der freilich nicht konsequent genug eingelöst wird. Zu abrupt erscheinen die Szenenwechsel, zu kleinteilig die Bildsprache. Der Grat zwischen Originalität und Albernheit erweist sich dabei so manches Mal als schmal. Dennoch: Mit „The Pin“ liefert Samir Akika substanzielle Anregungen zur Reflexion über Kunst und Kreativität.

Kommende Vorstellungen von „The Pin“: heute sowie am 24. November, jeweils um 18.30 Uhr, am 27. November um 20 Uhr am Theater Bremen

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