Bremen: Künstlerplakate und andere Papierarbeiten für Kinder und Erwachsene

Tiefer gehängt

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Henri Matisse: Madame de Pompadour reçoit le mardi 20 novembre 1951 au Pavillon de Marsan à 22 heures, 1951. Farblithografie.

Bremen - Von Rainer Beßling. Manche erwachsenen Leserinnen und Leser geben es zu: Wenn sie anspruchsvoll unterhalten werden wollen, greifen sie zum Jugendbuch. Auch Kunstfreunde schätzen Leitfäden, die sich an ein jüngeres Publikum richten.

Wenn jetzt „Eine Ausstellung nicht nur für Kinder“ „Kunst auf Papier“ zeigt, ist davon auszugehen, dass ebenfalls viele reife Besucher vorbeischauen, sie werden es nicht bereuen.

Sich nach allen Regeln der Museumspädagogik anleiten und belehren zu lassen – das ist Erwachsenen im Ausstellungsbetrieb nur selten vergönnt. „Didaktisch“ gilt weithin als vernichtendes Urteil für eine kuratorische Leistung und Präsentation. Wer würde bei einer Führung durch eine ambitionierte Themenschau oder zu einem Star der Gegenwartskunst fragen wollen, wie die Werke eigentlich gemacht worden sind, was denn nochmal ein Siebdruck ist und wie bitte eine Lithografie funktioniert?

Die Kunsthalle hat bis zum 12. Mai für Antworten auf diese und andere Fragen Meisterblätter aus ihrem großen und renommierten Kupferstichkabinett auf die Augenhöhe von Kindern gehängt. Für die ganz Kleinen steht noch eine Trittleiter dabei, und eine Lupe liegt daneben. Auch oder gerade für erwachsene Besucher ein angemessener Impuls, den Rundgang zu verlangsamen und näher an das Werk zu rücken.

Albrecht Dürers „Rhinocerus“ zählt zu den ältesten Exponaten der Ausstellung und dient als Vorlage für eine Leitfigur der Schau. Dürers Darstellung sehr frei nachempfunden, führt ein rosa Nashorn zu Zeichnungen, Grafiken und Fotografien sowie zu anschaulichen Texttafeln über grafische Techniken. Zugreifen darf das Publikum, wenn an einer Holztafel Künstlerköpfe dem richtigen Werk einzupassen sind. Aktive Teilnahme ist gefragt, wenn es in einer Art Werkstatt um das Material der Bildträger, um Farben, Kreiden, Stifte und Fertigung geht, aber auch um den Weg von der Idee zum Werk.

Bevor es in diesen Praxisraum geht, passieren die Besucher mehr als 50 Arbeiten auf Papier. Die Auswahl fächert die Vielfalt des Mediums auf und umspannt 600 Jahre Kunstgeschichte. Zwischen einem Rembrandt und einem Cage oder Warhol liegen nicht nur Epochen, dahinter stehen auch unterschiedliche Kunstauffassungen, Wahrnehmungsweisen und Wirklichkeiten. Die Schau beantwortet nicht nur Fragen, sie wirft auch welche auf. Sie ist nicht mit Didaktik überfrachtet, sondern lässt auch den Werken Raum.

Da entfalten die großformatigen Fotografien von Martin Parr ihre provokante Offenheit in der Beleuchtung schlechten Geschmacks und prekärer Lebensführung. Da überwältigt David Hockneys riesige Foto-Collage „Brooklyn Bridge“. Wie unterschiedlich Künstler das Thema „Familie“ aufgreifen können, macht der Vergleich eines plakativen Bonnnard-Blatts mit einer empfindsamen Zeichnung Eugène Carrières deutlich. Nachdenken darf der Besucher darüber, warum Andy Warhol in der Serie „Flash“ den medialen Umgang mit der Ermordung J.F. Kennedys in einer Foto-Negativ-Ästhetik aufgreift. Bereitgelegte Folien ermöglichen die Umwandlung in ein Positiv. Eine Box ermöglicht, durch verschiedene Gucklöcher, die mal verzerren, mal färben, anders auf Raum, Besucher und Exponate zu schauen.

Die Ausstellung basiert auf dem Buch „Kunst auf Papier (nicht nur) für Kinder“, das Hartwig Dingfelder, Leiter der Museumspädagogik an der Kunsthalle Bremen, im Jahr 2011 zusammen mit den Grafikern Tidian und Paula Camara publiziert hat. Dasselbe Team hat nun die Präsentation realisiert. Ein von Struktur, Inhalt und Erscheinungsbild überaus gelungenes Unternehmen.

Parallel dazu präsentiert das Kupferstichkabinett eine neue Schenkung. 112 Künstlerplakate aus der Sammlung des Kunsthistorikers Hans-Hermann Rief (1909-2009) ergänzen ein umfangreiches Konvolut an französischer Plakatkunst aus dem 19. Jahrhundert um Werke des 20. Jahrhunderts. Rief, der lange in Worpswede lebte und unter anderem das Werkverzeichnis der Druckgrafik Heinrich Vogelers erstellte, bereiste häufig Paris und besuchte unter anderem die Druckerei von Fernand Mourlot, spätestens durch die Zusammenarbeit mit Picasso geadelt. Rief schloss Freundschaft mit Mourlot, auch mit Jean Cocteau und Max Ernst war der Kunsthistoriker lange befreundet.

Die Qualität von Mourlots Plakaten, auf denen prominente Künstler mit eigens für diesen Zweck geschaffenen Motiven Ausstellungen ankündigten und für Touristenorte warben, sprach sich schnell auch unter Sammlern herum. Sie fragten gesonderte Exemplare der Drucke unter anderem von Chagall, Matisse, Miró oder Cocteau, aber auch von heute weniger bekannten grafischen Könnern wie Paul Guiramand, André Minaux oder Bernard Lorjou an. Rief durfte sich über zahlreiche Schenkungen freuen. Seine sehenswerte Kollektion, die den ästhetischen Reiz und Rang des Künstlerplakats belegt, wird in diesem Umfang zum ersten Mal öffentlich ausgestellt. Manch ein Plakat von Matisse könnte den jungen Besuchern der „Kunst auf Papier“ vielleicht als Ideenlieferant dienen.

Kunsthalle Bremen, bis 12. Mai. Di, 10-21, Mi-So, 10-18 Uhr. Eintritt: Erwachsene 11 Euro,

Kinder bis 5 Jahre frei, 6-21 Jahre 4 Euro.

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