Tina Havers untersucht in „IntrOs – Raum zwischen Erinnerung“ eine alte Kapelle auf ihre Speicherfähigkeit

Aus der Tiefe des Raumes

Vielschichtig wie Erinnerungen sind auch die Bilder in „IntrOs“. Foto: Thorsten Bauer

Bremen - Von Rolf Stein. Erinnerung ist im Grunde überall – auch dort noch, wo sie im Begriff ist, verloren zu gehen. Dann droht Vergessen. Erinnerung ist auch flüchtig. Deshalb errichtet der Mensch sich gern Denkmäler. Dort, aber auch an anderen Orten, lagern sich Erinnerungen ab und werden überlagert von anderen, neueren Erinnerungen. Inhalt und Bedeutung verändern sich.

Die Bremer Tänzerin und Choreografin Tina Havers befasst sich künstlerisch seit Längerem mit dem Verhältnis von Raum und Erinnerung. Vor vier Jahren erforschte sie – wie übrigens auch diesmal mit Unterstützung der Schwankhalle – einen verlassenen Werkstattraum der Silberwarenfabrik Koch & Bergfeld, nun gibt es eine Fortsetzung. „Raum ist gewissermaßen Behälter unseres Erlebens und hat gleichzeitig Einfluss auf das Geschehen“, heißt es in den dramaturgischen Anmerkungen zu ihrem neuen Stück „IntrOs – Raum zwischen Erinnerung“, das am Samstag zur Uraufführung kam.

Und zwar an einem ganz besonderen Ort: Die St. Veit Kapelle unterhalb der Bremer Liebfrauenkirche ist rund eintausend Jahre alt. Einst diente der Raum als Beinkeller, später war er als Kohlenkeller, während des Zweiten Weltkrieges als Schutzraum, und heute ist die Kapelle ein Andachtsraum, der erst seit Anfang der 90er-Jahre dem Heiligen Veit gewidmet ist. Was fast ein bisschen zu gut passt: Veit ist immerhin Schutzpatron der Tänzer.

Havers und ihre Kolleginnen Melanie Seeger und Jenny Ecke haben sich mit dem Video- und Sound-Künstler Thorsten Bauer für mehr als vier Wochen in einen Dialog mit diesem Ort begeben, den selbst viele Bremer nicht kennen. Nicht nur deswegen ist ein Besuch der Tanzperformance empfehlenswert, die am kommenden Wochenende noch zweimal zu sehen ist.

Der archaische Raum und die Spuren, die seine Benutzer über die Jahrhunderte in und an ihm hinterlassen haben, wird im Verlauf der knappen Stunde, die „IntrOs“ dauert, nicht einfach zur Oberfläche für die interdisziplinäre, multimediale und interaktive Performance. Er, der Raum, ist als Impulsgeber und, wenn man so will, Spielpartner höchst präsent. Er ist mit seinen Winkeln, Säulen, Fresken Gegenstand der Reflexion, wenn Havers, Ecke und Seeger ihre Aktionen gegenseitig filmen und auf die Wände projizieren. Er, der Raum, gibt auch etwas dazu, wenn eine der Tänzerinnen in eine der Fensternischen klettert. Leise, aber hörbar rieselt dann loses Gestein auf den Boden. Später wird das Geröll auf eine leere Plastikschachtel rieseln und der Klang per Musikkassette als weitere Schicht in den Abend eingespeist wird.

Zu dem leiernden Dauerton von einem alten, analogen Endlosband, zu der immer intensiveren Bewegungssprache, die sich aus der Ausgangsposition – jede für sich mit dem Gesicht zur Wand – entwickelt, sich zu einem scheinbar unauflöslichen Knäuel verdichtend. Während das Licht langsam schwindet, die Projektionen immer mehr Fläche des Gewölbes bedecken. Neben den visuellen, klanglichen und choreografischen Ebenen gibt es noch eine verbale, auf der wir Knochen begegnen, auch körperlichen Zuständen wie Erschöpfung oder Gerüchen, die zu den stärksten Auslösern für Erinnerungen gehören.

„IntrOs“ gibt dabei keine Lesart vor. Eine Zentralperspektive gibt es nicht. Das Publikum kann sich frei im Raum bewegen. Was nicht nur dazu führt, dass der jeweilige Blickwinkel so subjektiv, wie es Erinnerungen sind. Weil auch das Publikum in den Sucher der Kameras gerät, taucht es auch in den Bildern an Wänden und Decke auf und schreibt sich so in den Abend ein – flüchtig, wie Erinnerungen eben doch oft sind.

Der Charme von „IntrOs“ besteht unter anderem darin, ihnen geradezu beispielhaft bei der Entstehung zusehen zu können.

Weitere Termine

Samstag und Sonntag, 19 Uhr, St. Veit Kapelle, Liebfrauenkirche, Bremen.

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