Tief im Herzen des Systems

„Of Coming Tales“ sucht im Theater Bremen nach den Märchen dieser Tage

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Gruppenbild mit Hase: Der Weg aus dem Geflecht von „Empire Productions“ ist auch gemeinsam so gut wie unmöglich. 

Bremen - Von Mareike Bannasch. „Your fantasy is our business“: Fünf simple Worte, hinter denen sich nicht mehr verbirgt als die Daseinsberechtigung eines ganzen Universums. Denn „Entertainment Productions“, jene Firma, die sich den Slogan zu eigen gemacht hat, will viel mehr als nur unterhalten. Sie will uns auch den letzten Rest Fantasie zu rauben – um die Lücke mit Reality-Trash, Serien und Blockbustern zu füllen.

„Of Coming Tales“ ist die zumindest vorerst letzte Bremer Produktion des aus Mirjam Schmuck und Fabian Lettow bestehenden Kainkollektivs – eine unbedingt sehenswerte, spartenübergreifende Inszenierung, um es gleich vorwegzunehmen. Worum es in knapp zwei Stunden gehen wird, gibt der Titel gleich preis: die Suche nach den Erzählungen der Zukunft. Doch, um diese zu finden, müssen wir uns natürlich mit all jenen Geschichten auseinandersetzen, die sich bereits im kollektiven Gedächtnis breitgemacht haben.

Das gilt auch für ein sechsköpfiges Autorenteam, das in einem verlassenen „Entertainment Production“-Filmset mitten in der Wüste verzweifelt darum kämpft, aus diesen aufgezwungenen Erinnerungen auszubrechen – und dabei ein ums andere Mal scheitert: Zu groß ist der Einfluss von Kassenschlagern wie „Mad Max“, „Harry Potter“ oder „Rango“. Übrigens nicht nur bei den Moks-Schauspielern Judith Goldberg, Meret Mundwiler, Julian Anatol Schneider und Christoph Vetter sowie den Sängern Kerstin Pohle und Florian Lauss. Auch die Zuschauer brauchen oft nur wenige Minuten, um den Film zu erkennen – die Traumfabrik hat ganze Arbeit geleistet.

Die Performer auf der Bühne bekommen schon bald Gesellschaft von Internetserienfiguren mit schwarzen Klamotten, Perücken sowie Brillen und nehmen das Publikum in zwei Gruppen mit auf eine Reise durch Brauhauskeller, Proben- und Lagerräume – tief ins Herz von „Entertainment Productions“.

Revoluzzer im Keller

Dort – besser gesagt: im Keller – warten bereits andere Revoluzzer: die Buchmenschen. In einer Adaption des Klassikers „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury tanzen, singen und erzählen die Tänzer Lotte Rudhart und Antonio Stella mit Florian Lauss von einer Gesellschaft, in der Bücher verboten sind, da belesene Menschen offenbar verstärkt zur Revolution neigen. Aber nicht alle halten sich ans Leseverbot, Dissidenten konservieren die Geschichten aus den Büchern in ihren Gedächtnissen – bis das System in Flammen aufgeht.

Gute Nachrichten also, die uns auf dem Weg bis unters Dach des Empire begleiten. Dort warten schon die Wesen vom Anfang (fabelhaft verkörpert von Mitgliedern der Jungen Akteure), die sich brüllend und Fahnen schwingend an den Revolutionen vergangener Tage abarbeiten. Aufstände, die es auch in der Welt von „Entertainment Productions“ gibt, natürlich strikt nach Drehbuch. Dagegen rebelliert die Jugend zu lauten Technobeats.

Für sie und die sechs Autoren aus der Wüste endet der Kampf um Freiheit indes draußen, auf der Rampe am Brauhauskeller. Sie haben es geschafft, können endlich eigene Geschichten erzählen – mit Sicherheit auch von geglückten Revolutionen.

Weitere Termine: Heute, 20., 21. 25., 26., 27. und 29. April, jeweils um 19 Uhr, Brauhaus am Theater Bremen.

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