Tief in die Abgründe

Jake Heggies „Dead Man Walking“ am Oldenburgischen Staatstheater

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Die Inszenierung hangelt sich nah am bekannten Kinofilm entlang. 

Oldenburg - Von Markus Wilks. Ist es gerecht, wenn man einen Mörder hinrichtet? Jake Heggies „Dead Man Walking“ über dieses emotionale Thema ist eine der erfolgreichsten Opern unserer Zeit und kam nun in Oldenburg heraus – eine eindrucksvolle, unter die Haut gehende Produktion, die vom Premierenpublikum nach Momenten der Ergriffenheit mit großem Jubel belohnt wurde.

Auf seiner Homepage hat der US-amerikanische Komponist Heggie sämtliche Produktionen seiner ersten Oper aufgelistet. Das Oldenburgische Staatstheater ist weltweit zwar „nur“ auf Nummer 65 zu finden, nimmt in unserer Region jedoch die Vorreiterrolle ein. Das Erfolgsgeheimnis dieser Oper ist, dass sie ein brisantes, unverändert aktuelles Thema mit den Mitteln einer klassischen Gesangsoper verarbeitet und dabei den Zuhörer mitnimmt auf die Reise in die Abgründe menschlicher Existenz. Typisch amerikanisch sind die zahlreichen Stilwechsel. So gibt es ebenso Anklänge an Jazz und Soul wie eruptive Schlagzeugpassagen und harte Dissonanzen. Doch immer stehen die Gesangsstimmen im Mittelpunkt, die Heggie oft effektvoll, expressiv und atmosphärisch einsetzt.

Kapellmeister Carlos Vázquez und das sehr gut disponierte Staatsorchester finden die rechte Balance zwischen Zurückhaltung und auftrumpfendem Spiel, zwischen atmosphärischer Klangmalerei und (in den großen Ensembleszenen) großen Steigerungen. Opern- und Extrachor (Einstudierung: Markus Popp) sowie der Jugendchor (Thomas Honickel) tragen ebenso zum Gelingen dieser Produktion bei.

„Dead Man Walking“ basiert auf dem gleichnamigen Buch von Sister Helen Prejean, in dem sie die Begegnung mit einem Todeskandidaten reflektiert. Kenner der bekannten Verfilmung mit Susan Sarandon und Sean Penn werden in der Oper und in der Oldenburger Produktion viele Ähnlichkeiten, aber auch Unterschiede entdecken. Regisseurin Olivia Fuchs bleibt in ihrer Inszenierung dicht an der Handlung und erzählt „nur“, wie aus der Briefbekanntschaft zwischen Schwester Helen und dem Mörder Joseph de Rocher eine enge persönliche Beziehung wird – bis zur Hinrichtung durch die Giftspritze. Ihre Regiearbeit kann auf Modernisierungen, Abstraktionen oder vermeintlich innovative Regiekonzepte verzichten, weil sie mit den starken Sängerdarstellern ein packendes Drama einstudiert hat. Hier geht es zwar auch um Vergewaltigung, Schuld und Mord (ausgeführt von Joseph und seinem Bruder), vor allem ist es aber eine Reise für Helen und Joseph in ihr Innerstes: Es geht um Wahrheiten, das Eingestehen von Wahrheiten, um Handeln gegen Widerstände, um den Wert menschlichen Lebens und natürlich auch um die Rechtfertigung von Hinrichtungen. Wenn Helen am Ende des 1. Aktes wie in einer Rückblende alle bisherigen Szenen erlebt, von ihnen traum(a)artig überrumpelt wird und wir dabei tief in ihre Seele blicken, spürt man, wie sinnvoll Olivia Fuchs‘ vermeintlich einfacher Inszenierungsansatz ist. Kongenial hierzu die szenische Einrichtung von Jamie Vartan (Bühne) und Zahra Mansouri (Kostüme), die mit wenigen Versatzstücken (Gitter, Autositze, Schreibtische) sowie ein wenig aus der Mode gekommenen amerikanischen Kostümen und Frisuren die Basis für eine starke Erzählung liefern.

Dass Melanie Lang in Oldenburg immer auf hohem Niveau spielt und singt, weiß der regelmäßige Opernbesucher. Dass sie die Riesenpartie der Helen aber mit einer so starken Kondition und gesanglich so souverän durchhielt, verdient Respekt. Ihr kraftvoller, nur in der Höhe etwas ausfransender Mezzo besitzt den nötigen „Soul“ und transportiert damit auch die religiösen Aspekte ihrer Rolle. Kihun Yoon ist ein bärenstarker Joseph de Rocher, der seinen Heldenbariton facettenreich bis hin zum expressiven Schrei einsetzt und neben dem stimmlichen Totaleinsatz auch die vom Komponisten geforderten Liegestütze meisterlich schafft.

Die übrigen Sängerinnen und Sänger haben zwar deutlich kleinere Rollen, können aber dank ihrer Stimmen und des engagierten Spiels überzeugen. Insbesondere Ann-Beth Solvang (Mrs. Rocher) weiß ihre zwischen Liebe zu ihrem Sohn, Verzweiflung und Wut pendelnden Gefühlen stimmstark auszudrücken. Martyna Cymerman (Sister Rose) und Steven K. Foster (Owen) sollen stellvertretend für das große Ensemble erwähnt werden.

Selbst Angucken

7. April, um 18 Uhr, 28. April, um 15 Uhr, sowie am 7., 24. und 29. Mai, jeweils um 19.30 Uhr, Großes Haus, Oldenburgisches Staatstheater.

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