Durchwachsenes Bühnendebüt am Theater Bremen

Der neue Adel herrscht mit Augenmaß

Gefangen in nichtssagenden Dialogen und diffusen Bildern: Im Stück „3000 Euro“ geht der Handlung schon ziemlich bald die Luft aus.
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Gefangen in nichtssagenden Dialogen und diffusen Bildern: Im Stück „3000 Euro“ geht der Handlung schon ziemlich bald die Luft aus.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Ach, es reicht dann doch auch mal so langsam mit den Romanen auf der Bühne. Am Freitagabend hat das Theater Bremen wieder einmal Prosa in szenisches Spiel umzuwandeln versucht. Es war die dritte Premiere dieser Art hintereinander, drei Romanadaptionen binnen weniger als drei Wochen. Man weiß bald gar nicht mehr, wo man eigentlich noch dramatische Literatur erleben kann, am Theater scheint das jedenfalls nur noch ganz ausnahmsweise der Fall zu sein.

Den Bremern hatte es zuletzt vor allem die Popliteratur angetan, wobei insbesondere Bücher von Thomas Melle bei irgendeinem Mitglied der Dramaturgie offenkundig hoch im Kurs stehen. Anders ist kaum zu erklären, dass nach dem müden Bühnendebüt des überschätzten Erstlings „Sickster“ vor drei Jahren nun auch noch dem zweiten Roman des Bonner Autors eine Dringlichkeit szenischer Verwirklichung beigemessen wird. Der Roman „3000 Euro“ handelt von der Supermarktverkäuferin und alleinerziehenden Mutter Denise, die mit gelegentlichen Pornoauftritten auf den schnellen Euro hofft. Und er handelt vom Obdachlosen Anton, dessen Leben nach Abitur und abgebrochenem Jurastudium an einer Schuldenlast von 3000 Euro zu scheitern droht: weil in einem Gerichtsverfahren aus dem überschaubaren Betrag wegen der Prozesskosten leicht das Doppelte und Dreifache erwachsen kann, von Zins und Zinseszins ganz zu schweigen. Man bewegt sich anders im öffentlichen Raum, wenn man ein Minus auf dem Konto hat. Man bewegt sich auch anders im öffentlichen Raum, wenn der eigene Körper dieser Öffentlichkeit womöglich aus Pornofilmchen im Internet bekannt ist. Eine vermeintlich liberale Gesellschaft, die gelernt hat, ihre Standesgrenzen mit Blicken zu ziehen statt mit Adelstiteln, und ein Paar, das sich aus der Angst vor diesen Blicken zusammenfindet: Dieser Stoff könnte durchaus bühnentauglich sein.

Und es fängt auch gar nicht schlecht an unter der Regie von Anne Sophie Domenz. Auf einer riesigen Hüpfburg (Bühne: Domenz), deren alienartige Gummiwesen allerdings mehr an Geisterbahn denken lassen als an Kindergeburtstag, rennen die Laien-Pornodarstellerin Denise (Nadine Geyersbach) und der gefallene Jurist Anton (Paul Matzke) gegen die so harten wie flexiblen Gummiwände der Gesellschaft an. Es sind die unsichtbaren Grenzen, mit denen sich das Bürgertum gegen die Verlierer zur Wehr setzt. Das betonte Wohlmeinen von Antons altem Freund Hermann (Alexander Swoboda) und dessen Frau Cathrin (Annemaaike Bakker) zum Beispiel: Da gibt man dem armen Schlucker doch gerne mal einen Anzug als Leihgabe und zweihundert Euro als Zuschuss für den anstehenden Rechtsstreit – schließlich bringt allein die edle Tat den Statusunterschied erst angemessen zur Geltung.

Man erhält in solchen Ansätzen eine Ahnung von der zerstörenden Kraft, mit der dieser postmoderne Hochadel das niedere Gesinde zu knechten vermag. Manchmal entstehen sogar ganz wunderbare Szenen, etwa wenn in der ersten Begegnung von Anton und Denise an der Supermarktkasse zwei Kulturen der Angst aufeinanderprallen: Der Verschuldete ängstigt sich beim Bezahlen vor dem durchdringenden Blick der Verkäuferin. Die Verkäuferin dagegen fürchtet den gierigen Blick des potenziellen Pornokonsumenten.

Doch je länger der Abend dauert, desto seltener werden solche Momente. Der Leerlauf bemächtigt sich mit nichtssagenden Monologen und diffusen Bildern des Textes. Warum sich Anton bald im Wasser suhlt und Denise ihn mit Farbe bemalt, ist nicht zu ergründen, die Trennung des Paares lässt den Betrachter kalt. Irgendwann hängt auch die Hüpfburg nur noch als bloße Hülle im Raum, schlaff wie die Handlung selbst.

Das liegt zum Teil auch an den darstellerischen Leistungen. Paul Matzkes Anton ist für die geschundene Kreatur zu versnobt und für den Snob zu zerschunden. Man wird nicht schlau aus diesem unentschiedenen Charakter, dem man überdies auch eine deutlichere Aussprache gewünscht hätte. Durchaus umfangreiche Passagen werden ohne Not Statisten anvertraut, deren plattes Spiel als solches auch noch von der Regie beabsichtigt zu sein scheint. Überzeugen kann einzig Nadine Geyersbach, die sich ihre Rolle laut Intendant ausfallbedingt sogar in nur zwei Wochen angeeignet hat.

Romane gibt es im deutschsprachigen Theater seit der Kafka-Entdeckung in den fünfziger Jahren, und nicht wenige Inszenierungen stehen als Beweis dafür, dass eine Transformation gelingen kann. Es drängt sich dieser Tage aber der Eindruck auf, dass man im Unterschied zu früher glaubt, dieses Gelingen funktioniere irgendwie von selbst. Die Wahrheit ist: Es gibt Gründe, weshalb ein Roman als Roman geschrieben wird und nicht als Theaterstück. Vielleicht sollte das mal jemand den Dramaturgen und Regisseuren im Lande sagen.

Kommende Vorstellungen von „3000 Euro“: morgen sowie am 12. und 25. Juni, jeweils um 20 Uhr am Theater Bremen.

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