Der australische Musiker und Autor bittet zum Gespräch in die Glocke

Nick Cave: Therapeut, Orakel, Kummerkasten

+
In der Glocke durfte nicht fotografiert werden, deswegen hier ein Bild von Nick Cave 2015 in London.

Bremen - Keine Fotos, keine Tonaufnahmen – und keine Scheu bitte! Das sind in etwa die wichtigsten Anweisungen, die Nick Cave seinem Publikum zu Beginn seines rund dreistündigen Auftritts am Samstag in der ausverkauften Bremer Glocke mit auf den gemeinsamen Weg gibt. Als „Übung in Konnektivität“ hat der Künstler das Programm „Conversations with Nick Cave“ konzipiert. Und damit als Fortsetzung seines Online-Projekts „The Red Hand Files“, wo der Musiker sich jeglichen Fragen seiner Fans stellt.

Eine neue Zugewandtheit ist das, eine Öffnung zum Publikum, das Cave nach dem Tod seines Sohnes vor fünf Jahren nach eigenem Bekunden mit seinen tröstenden Zuschriften geholfen habe, über den Verlust hinwegzukommen.

Einigen ist das Bedürfnis, mit Nick Cave in Verbindung zu treten, so dringlich, dass sie von weither anreisen, manche folgen dem Musiker gar für mehrere Auftritte. Manche Fragen aus dem Publikum offenbaren dann auch eine regelrecht existenzialistische Beziehung zu Nick Cave und seinem Werk.

Immer wieder berichten Fans von Lebenskrisen, die sie dank der Songs des Musiker meisterten. Einer möchte vom Orakel Cave sogar wissen, ob er, dessen Leben bislang erfreulich glatt gelaufen sei, sich darauf einstellen solle, dass etwas Schlimmes passiert. Immerhin: Wer angenommen hatte, dass an solch einem Abend Kritik an Cave ohnehin nichts zu suchen hätte, wird enttäuscht. Cave habe einmal die extreme Linke und die extreme Rechte in einen Topf geworfen, kritisiert eine Besucherin. Was Cave beinahe aus seiner ansonsten souveränen, verbindlichen Art fallen lässt. Dabei ist er aber nicht darum verlegen, sich zu positionieren, und spricht sich für eine demokratische Mitte aus, in der jeder frei sprechen können müsse.

Viel politischer wird es nicht an diesem Abend, es geht eher um die großen Fragen des Lebens. Liebe, Tod, Gott und so. Wobei gerade die Sache mit der Religion ein Dauerbrenner ist. Am Samstag sagt Cave, für ihn sei nicht entscheidend, ob Gott wirklich existiere. Es sei eher das Sehnen nach so etwas wie Gott, das für ihn unabdinglich sei, also eher ein Streben nach Transzendenz.

Während die von Cave selbst moderierten „Conversations“ den Löwenanteil dieses Abends ausmachen, gibt es selbstredend auch Musik zu hören, bei der der Musiker sich selbst am Flügel begleitet. Dabei geht er auf Publikumswünsche ein und greift auch ganz tief ins Repertoire: Mit „Shivers“ ist ein Song seiner ersten Band The Boys Next Door zu hören, aus der später The Birthday Party wurde.

Und während man sich noch fragt, ob ein Popstar auch noch Lebensratgeber und Wahrsager sein muss, vergeht sie Zeit wie im Flug. Und eines hat man ganz sicher erlebt: einen garantiert nicht wiederholbaren Abend. Und das ist ja wirklich nicht wenig.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Norbert Röttgen: "Es geht um Positionierung der CDU"

Norbert Röttgen: "Es geht um Positionierung der CDU"

Biathlon-WM 2020: Die besten Bilder aus Antholz

Biathlon-WM 2020: Die besten Bilder aus Antholz

Die Themen der Reisemesse ITB

Die Themen der Reisemesse ITB

Neue Dokumente: Willkürliche Inhaftierung von Uiguren

Neue Dokumente: Willkürliche Inhaftierung von Uiguren

Meistgelesene Artikel

Hilfloses Traumwesen

Hilfloses Traumwesen

Ab durch die Mitte

Ab durch die Mitte

Alles offen

Alles offen

“Bayern 3“-Hörer empört über „Panikmache“ - Wetter-Expertin reagiert deutlich

“Bayern 3“-Hörer empört über „Panikmache“ - Wetter-Expertin reagiert deutlich

Kommentare