Theater Osnabrück verkaspert Erich Maria Remarques „Der schwarze Obelisk“

„Wir sind voll, voll, voll“

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Geld hat man immer gern: Zu Beginn der Osnabrücker Remarques-Produktion regnet es Scheine.

Osnabrück - Von Beate Bößl. Die fünf imposanten Lichtelemente über der Bühne sehen mit ihren auseinanderstrebenden Neonröhren wie eine im Funkenflug erstarrte Silvesterrakete aus. Oder wie etwas radikal Explodierendes, dessen Schockwelle noch folgt. Sie bebildern passend (Bühne/Kostüme: Dominik Steinmann), was Dramaturg Peter Helling den Zuschauern bei der Stückeinführung zu „Der schwarze Obelisk“ mit auf den Weg gab: Man wolle weniger den Roman des gebürtigen Osnabrückers Erich Maria Remarque nacherzählen, als vielmehr ein Klima des Feierns und der Verunsicherung zeigen. - Von Beate Bößl.

Remarque hatte eben dieses für sein 1956 geschriebenes Werk gewählt, siedelte es zeitlich 1923 zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg an. Jener Phase also, in der so sehr das Glück gesucht wurde, aber sich das nächste Unheil bereits den Weg bahnte. Eines der äußeren Zeichen dafür: Eine Hyperinflation, im Roman allgegenwärtig. Vom Rang aus regnet es daher kurzzeitig Geldnoten ins Parkett. Das ist recht hübsch, weil zu Beginn. Da ist man selbst noch voller Vorfreude, will wissen, wie die Inszenierung von Marco Storman die Grabsteinverkäufer und Kriegsheimkehrer Georg Kroll und Ludwig Bodmer, wie auch Isabelle aus der Psychiatrie am Gertrudenberg zu modernen Bühnenfiguren wandeln wird. Außerdem spielt der „Obelisk“ ja im fiktiven „Werdenbrück“ – nennt Namen und Orte, die direkt neben dem Theater liegen.

Leider nur: Was in den pausenlosen eineinhalb Stunden folgt, lässt kaum Chancen, Nähe oder Sympathien zu entwickeln. Da gibt es etwa die Szene, in der Kroll und Bodmer (gespielt von Dennis Pörtner und Patrick Berg) wertvoll gewordene Essensmarken einlösen wollen und vom Wirt abgewiesen werden. In der Uraufführung treten nun die eigens eingefügten Figuren Narr und Närrin auf, verkaspern die Stimmung mit einem merkwürdigen Rap: „Wir sind voll. Voll, voll, voll.“ Puh!

Oder es gibt es eine Annäherung zwischen der Akrobatin Gerda und Ludwig. Endlose Minuten liegen sie im Dämmerschein, schauen einander an. Die Liebensszene ist so unvermittelt, so völlig überlang, dass man komplett aussteigt, sich erschrickt, als plötzlich das Licht aufgedreht und Spielmannzugmusik erschallt.

Es gibt eine weitere Stelle, die den Besucher aufschrecken lässt. Als, einmal mehr, das Publikum direkt angesprochen und gefragt wird, wer schon einmal demonstrieren war. Ein junges Mädchen meldet sich, wird nach vorn gebeten, antwortet, es heiße Ayse und der Schauspieler fragt direkt: „Bist du aus Deutschland?“, legt nach mit „Dann bis du also eine deutsche Ayse“. Das Schlimme über die Sätze hinaus: Man hält wirklich für möglich, der Dialog könne echt sein, Ayse gehöre nicht zum Ensemble. Dann wird das Mädchen gefragt, ob es denn bisher etwas vom Stück verstanden habe, schüttelt niedlich lächelnd den Kopf. Genau hier entwertet sich nun die Inszenierung in ihrem vermeintlich besten Moment selbst: Wenn Ayse wirklich Teil des Spiels ist, so fühlt es sich als Zuschauer nicht gut an, wenn die Regie offenbar ihr eigenes Verzetteln erkennt und aufs Korn nimmt.

Man hätte dieses Stück gern gut gefunden, aber als am Ende Ludwig Bodmer allein und mit Gitarre einen Song singt, ist das ein Rausschmeißer für einen Abend, in dem das Wundervolle aus dem Roman nicht gezündet und Politisches verpufft ist. Dass draußen ein Schüler aus dem Publikum zu einem Gleichaltrigen sagt: „Coole Geschichte!“ Ist ein Trost, aber: Am besten was Neues.

Kommende Vorstellungen: am 12., 14., 20. und 26. Februar, jeweils um 19.30 Uhr im Theater Osnabrück.

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