Duell in Echtzeit

Im Theater am Leibnizplatz ist jetzt schon „Heilig Abend“

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Ulrike Knospe und Markus Seuß stehen sich als Ermittler und Professorin unerbittlich gegenüber. 

Bremen - Von Rolf Stein. Wer sich einmal die Mühe einer akademischen Abschlussarbeit gemacht hat, kennt vielleicht die Sinnfrage, wer das denn eigentlich eines Tages lesen wird. Denn man weiß oder ahnt zumindest: Selbst die prüfenden Professoren haben oft wenig Zeit, sich in die Tiefe der Argumentation zu begeben.

Daniel Kehlmann, bekannt geworden durch seinen Roman „Die Vermessung der Welt“, liefert in seinem im Januar in Wien uraufgeführten und nun im Theater am Leibnizplatz zu sehenden Theaterstück „Heilig Abend“ eine verblüffende Antwort auf diese Frage: Womöglich macht sich eines Tages ein Ermittler darüber her. Um etwa belastendes Material zu finden. Subversive Gedanken vielleicht, wie die der Philosophieprofessorin Judith, die er an einem 24. Dezember zum Verhör einlädt und die einst ihre Dissertation über Frantz Fanons „Verdammte dieser Erde“ schrieb.

Publikum sitzt wie bei einem Boxkampf um das Podest herum

Es bleiben ihm 90 Minuten, um einen Anschlag zu verhindern. Das zumindest wird er als Ziel des Verhörs ausgeben. Mit allen Tricks versucht er aus der Professorin etwas herauszubekommen – sei es nun ein Geständnis oder eine belastende Aussage gegen ihren Ex-Mann, mit dem sie, das herauszufinden sei kein Kunststück gewesen, den vorherigen Abend verbracht hat. Unaufhaltsam bewegen sich die Zeiger der Uhr, die ein Techniker eben noch über dem Podest aufgehängt hat, zu dessen Seiten das Publikum sitzt wie an einem Boxring. Nur dass in der Mitte eine denkbar schlichte Büroeinrichtung die Kampfzone bildet. Ein Duell, in Echtzeit, nahezu bar jeglichen Verfremdungseffekts: ein klassisches Format, das man eher aus dem Film kennt. Am Leibnizplatz hat Petra-Janina Schultz Kehlmanns Stück mit Ulrike Knospe und Markus Seuß auf die Bühne gebracht.

Bis auf punktuelle Soundeffekte – das gelegentlich lauter werdende Ticken der Uhr, bedrohliche Drones – verlässt sie sich dabei auf ihre beiden Schauspieler, die konzentriert, nuanciert und ökonomisch das Vexierspiel dieses Ringens zeigen, bei dem bis zum Ende unklar bleibt, wo die Wahrheit liegt. Stimmt es, dass Judith ihren Aufruf zur Gewalt nur zu Anschauungszwecken für ihre Studenten auf ihrer Festplatte gespeichert hat? Aber warum war der dazugehörige Rechner nie am Netz? Und wie ist die Polizei trotzdem an den Text gekommen? Stimmt es wirklich, dass im Nebenraum gerade ihr Ex-Mann verhört wird? Der Judith vor Jahren beim Bergsteigen in der Wand hängen ließ? Um Rettung zu holen?

Schauspielern gelingt es die Spannung zu erhalten

Geht es am Ende überhaupt um eine Bombe, für die es keinen Beweis zu geben scheint? Sondern ist hier nicht vielmehr der paranoide Standpunkt von Verfassungsschützern am Werk, einschließlich kaum verhohlener Folterandrohung? Es geht um Überwachung, um Fragen der wehrhaften Demokratie und die Legitimität von Widerstand. Bald kippt das sorgfältig, aber auch merklich konstruierte Duell zur einen Seite, bald zur anderen, dank der beiden Schauspieler bleibt aber auch ohne die dramaturgischen Unterstellungen des bereits angedeuteten Sounddesigns die Spannung erhalten.

Nächste Vorstellungen: Samstag, 21. Oktober, 20 Uhr, Freitag, 3. November und Donnerstag, 16. November, 19.30 Uhr, Theater am Leibnizplatz.

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