Theater Bremen zeigt Jelineks Schauspiel

Ohne Katzen keine Rührung

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Der Stier passt auch noch rein: Asylpolitik am Holzhäcksler.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Natürlich, sagt Sopranistin Anna Netrebko, sei sie Russin und werde dies auch bleiben. Das stimmt allerdings nur zur Hälfte. Denn seit 2006 ist die Operndiva zwar nicht im Besitz der deutschen Sprache, wohl aber des österreichischen Passes.

„Blitzeinbürgerung“ nannte sich das Verfahren, eine schnelle, unbürokratische Regelung, damit der weltweit gefragte Star auf Tourneen nicht mehr unter den nervtötenden Visabestimmungen leiden muss. Was ist das für eine Gesellschaft, die den Reichen und Schönen ihre Pässe nur so nachschmeißt, Schutzbedürftige aber nur unter größten Bauchschmerzen duldet?

Am Theater Bremen hatte am Freitagabend Elfriede Jelineks Stück „Die Schutzbefohlenen“ Premiere. Stargast: Anna Netrebko (Gabriele Möller-Lukasz). Sie trägt ein rotes Samtkleid, Kopfputz, goldenes Geschmeide. Und innen drin ein goldenes Herz. Denn Anna Netrebko singt für den guten Zweck: für die armen Flüchtlinge im Aufnahmelager „Feinheim“. Wandelt vornehm auf ihr Bühnenpodest, öffnet grazil den Mund – doch dann tönt zu ihrer ausladenden Gestik plötzlich Dietrich Fischer-Dieskau aus dem Off: „Ich bin der Welt abhanden gekommen.“ Und: „Wirklich bin ich gestorben der Welt.“

Das Publikum folgt dem zynischen Spektakel staunend aus nächster Nähe. Es sitzt auf harten Stühlen und Bänken, eingepfercht in einen containerartigen Kasten, dessen Wände die Parlamentsbänke des EU-Parlaments zieren. Zwischen dem kargen Gestühl stehen alte Fernsehapparate und Leitern, hier ein Radiokasten, dort ein Plüschdelfin (Bühne: Christian Beck). Man fühlt sich selbst als Flüchtling in diesem beengten Chaos, natürlich auch, weil man beim Einlass in eine Kabine befohlen wurde: Identitäts-Check mit Fotoaufnahme.

Später entdeckt man sein Porträt in den Reihen der EU-Abgeordneten wieder, dort hingeklebt vom Heimleiter, einem wuchtig deutschen Hausmeistertypen (Michael Janssen). So sitzt der Besucher als alles zugleich in diesem Kasten, als Flüchtling, als politischer Entscheider, aber auch als deutscher Bürger. Und je nachdem, als was er sich selbst gerade begreift, sieht er die neu ankommenden Flüchtlinge, die sich von draußen mit dem Einstiegschor aus Aischylos’ „Die Schutzflehenden“ angekündigt haben, als Konkurrenten, als Bittsteller oder als Problem. „Ich bin da, was machen Sie jetzt mit mir?“, fragen sie keck und stellen klar: „Wenn ihr uns nicht wollt, bleiben wir immer euch ja immer noch als eure Aufgabe!“

Man kann diese Inszenierung als Panoptikum der Lösungsansätze für diese Aufgabe verstehen, als ein Kuriositätenkabinett der zynischen Widersprüche im Umgang mit dem Leid. Da stopft der Heimleiter einen verendeten Flüchtling mal eben in den Holzhäcksler – halb so tragisch nur deshalb, weil dieser Flüchtling bloß eine Pappfigur war. So sammelt der stämmige Mann die verbleibenden Schnitzel vom Boden auf und schnauft: „Erst wollen sie Decken und was zu essen. Was werden sie morgen verlangen?“

Ein Flüchtling (Irene Kleinschmidt) liest aus einer Integrationsbroschüre der Bundesregierung vom Rassismus, der „bei uns keinen Platz“ habe. Davon, dass „Frauen und Männer einander gleichgestellt“ seien und „auch Kinder Rechte“ haben. Doch kaum ist sie durch mit der Lektüre all dieser hehren Verfassungswerte, kräht von hinten auch schon eine gute deutsche Bürgerin mit Handtäschchen (Gabriele Möller-Lukasz): „Warum hat der Ausländer da jetzt einen Sitzplatz und ich nicht?“

Doch nicht um Anklage geht es an diesem Abend, sondern um Bewusstwerdung. Und die gelingt bei Jelinek stets in virtuosen Begriffskaskaden. Ausgehend von gängigen Talkshowphrasen wie der „Freiheit“, die bekanntlich immer „dort endet“, wo „die des anderen beginnt“, entwickelt sie Variationen von demaskierender Struktur. „Die Freiheit“, belehrt die Dame mit den Handtäschchen den Fremden, „endet dort, wo Ihre beginnt. Aber Ihre beginnt nicht, dafür werde ich schon sorgen!“ Unter den Flüchtlingen ist derweil ein Streit entbrannt: „Ich habe das traurigste Los gezogen!“, „Nein, ich!“

Regisseur Mirko Borscht lässt die Widersprüche zusammenknallen, dass die Funken des Zynismus nur so sprühen. Irgendwann findet man sich in einer lustigen Polonaise wieder, grölt zu „Let it Be“ einen Asylsong, während im Hintergrund eine Werbestimme schön beruhigend was von den Leistungen der Grenzschutztruppe „Frontex“ faselt. Da hat noch nicht die heitere Asylantenlotterie zur Blitzeinbürgerung begonnen, und deren Moderator (Hannah Aulepp) hat noch nicht die Sponsorennamen („Wir bedanken uns ganz herzlich bei der Thyssen AG, Mercedes-Benz, Dr. Oetker und dem Theater Bremen“) genannt. Wie immer bei Borscht mischen sich Laiendarsteller ins Ensemble, und wie so oft fällt das kaum auf. Die zynische Sprengkraft ist auch das Ergebnis überzeugender darstellerischer Leistungen.

Am Ende dieses großartig bizarren Wahnsinns bekommt der Bürger endlich, was er sich so innig ersehnt, das demütige Schulterklopfen des dankbaren Flüchtlings: „I thank you for bringing me here“ säuselt es am Klavier (Romy Camerun). Da kann man doch glatt überhören, dass ein anderer Flüchtling sich fragt, warum das Gerührtsein hierzulande fast allein den Katzenvideos und Hundebabys vorbehalten ist. Gekommen seien sie zwar, lautet sein Fazit: „Doch wir sind gar nicht da.“

Kommende Vorstellungen (am 19. und 23. November bereits ausverkauft): am 6. und 30. Dezember, um 20 Uhr.

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