Ein ziemlich verkorkster Typ

Das Theater Bremen zeigt Berlioz’ „La Damnation de Faust“

Dieser Faust ist einer von uns: Chris Lysack in der Titelrolle (vorn), Claudio Otelli und der Chor des Theaters Bremen. - Foto: Jörg Landsberg

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Wenn man in den Zuschauerraum kommt, ist Faust längst da. Auf einem Steg, mitten in das Foyer hineingebaut, irrt der weißgekleidete Rothaarige unsicher umher. Keine Frage: Mit dem Intellektuellen aus Goethes Drama und dessen Sinnsuche hat dieser Faust nichts zu tun.

Stattdessen haben wir es mit dem eher depressiven Versager aus „La Damnation de Faust“ von Hector Berlioz zu tun, der da mit einem Bonsai-Baum im durchsichtigen Rucksack vor uns steht.

Poschners Abschied

Poschner, der vor zehn Jahren sein Engagement in Bremen mit Verdis „Nabucco“ begonnen hat, hat sich Berlioz’ Gattungszwitter ausdrücklich als seine letzte Oper in Bremen gewünscht, bevor er nach Linz zum Bruckner-Orchester geht.

Das in letzter Zeit recht häufig gespielte Stück feierte nun am Samstag am Theater Bremen eine umjubelte Premiere, und weder der Regisseur Paul-Georg Dittrich noch Dirigent Markus Poschner hatten versucht, die krause und unlogische Dramaturgie und die montageartige Musik – Berlioz hatte nie an eine Aufführung im Sinne von „Oper“ gedacht – in irgendeiner Weise zu glätten oder gar gefällig zu machen.

Dittrich entscheidet sich vielmehr für einen hohen Grad an Abstraktion und gewinnt auf ganzer Linie. Ob es die tanzenden Bauern, die besoffenen Studenten in Auerbachs Keller, die Wiese am Elbufer, ob es Geister, Erscheinungen und Irrlichter sind – all das gibt es nicht wirklich, auch keine Bebilderung des berühmten und ohnehin ortlosen Ungarischen Marsches.

Gnadenlose Kälte betont große Einsamkeit

Die Menschen wirken wie Roboter, ganz besonders Marguerite. Sie steht auf einem Sockel, ist in silbernes Metall gekleidet, zupft aber abzählend Blütenblätter ab. Bald wird aus ihrem Metallkleid ein silberner Einteiler, in dem sie auf dem Podest „Meine Ruh ist hin“ mit einer Aura derart großer Einsamkeit singt, dass es schon wieder realistisch wird.

So gelingt es Dittrich immer wieder, aus den unzusammenhängenden Bildern voller Fragen und Brüchigkeiten dichte emotionale Szenen zu schaffen. Unterstützt wird das von dem Bühnenbild und den Kostümen von Pia Dederichs und Lena Schmid, die mit Metall und Leuchtröhren die gnadenlose Kälte der völlig imaginären Szenerie suggerieren, die dann in der Hölle zu den realen hässlichen Körpern brutal wechselt.

Begeisternde Detailgenauigkeit

Und unterstützt wird das auch von Markus Poschners ungemein farbenreichem Stil, der nie auftrumpft – was die Partitur durchaus provozieren könnte –, sondern alles Sehnsüchtige, alles laut Verzweifelte von innen her entstehen lässt. Und dies wie immer bei makelloser Transparenz und Detailgenauigkeit.

Paul-Georg Dittrich setzt in seiner zweiten Operninszenierung am Theater Bremen (nach Alban Bergs „Wozzeck“) zwei Schwerpunkte: Neben der Hilflosigkeit Fausts, den Dittrich so viel sympathischer findet als den Goethes, betont er die Idee der Projektion in der Liebesgeschichte: Marguerite besteht nur als Bild und Faust nur als Idee. Eine hochmoderne Vorstellung zeitgenössischer Liebeswünsche, eine Vorstellung, an der unsere Liebesversuche scheitern und die hier durch Jana Findeklees Videos facettenreich interpretiert wird.

Herausragende Hauptdarsteller

Dittrichs zweiter Schwerpunkt ist die Idee, dass Faust und Mephisto eigentlich eine Person sind: Sie sehen gleich aus, und jeder hat den anderen in sich. Hochgradig spannend ist hier gestaltet, wie sie sich dann doch auseinanderentwickeln und Mephisto Faust nach dessen freiwilliger Vertragsunterzeichnung in die Hölle führt.

Ohne seine drei Hauptdarsteller hätte Dittrich seine Vision vom Melancholiker und Nihilisten Faust, vom lebenslustigen, dreckigen „Sieger“ Mephisto, von der „emanzipierten“ Marguerite – die allein das Spiel der Männer durchschaut – nicht so überzeugend umsetzen können. Chris Lysack als Faust, sicher bis zum hohen Cis, ist in jedem Augenblick ein verkorkster Mensch. Claudio Otelli als Mephisto platzt vor Energie und Verführungskraft, Theresa Kronthaler als Maguerite zeigt sich als überragende Schauspielerin und Sängerin. Auch Christoph Heinrich setzt ein nachdrückliches Zeichen mit seinem „Rattenlied“. Ein großes Lob gilt auch dem Chor und Extrachor, auch dem Kinderchor (von denen Berlioz insgesamt eigentlich vierhundert Stimmen wollte).

Die nächsten Vorstellungen: 29. März, 7., 20. und 30. April, Theater am Goetheplatz, Bremen.

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