Die Welt, wie Idioten sie sehen

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Alles dunkel am Theater? Von wegen! Mehr als 30 Premieren sind für die kommende Spielzeit eingeplant. 

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Auf ein offizielles Motto zur kommenden Spielzeit wollte man sich am Theater Bremen nicht einigen. „Zu verkrampft“ sei so ein Versuch meistens, erklärt Schauspielleiter Benjamin von Blomberg bei der gestrigen Pressekonferenz. Und legt gleich darauf los mit einem Abriss dessen, was das Ensemble antreibt.

Zum Beispiel eine „gemeinsame Welterfahrung“, aus welcher sich Fragen an unsere Zeit ergeben: wie man in einer Welt leben kann, die „Grenzenlosigkeit und Glücksverheißungen“ behauptet und dennoch arm und reich kennt, Mann und Frau, Dorf und Stadt. Mit Hilfe von Klassikern, sagt von Blomberg, könne man „auf diese widersprüchliche Welt aus der Perspektive der Geschichte schauen“. Wie überhaupt Theater dazu einlade, durch fremde Augen zu blicken. Womit er irgendwie doch wieder ein Motto formuliert hat.

Wie also sieht die Wirklichkeit unserer Gesellschaft durch die Augen eines schwarzen Mannes aus? Wie blickt ein Größenwahnsinniger auf diese Welt? Und wie stellt sich unser Land in den Augen eines Flüchtlings dar? Shakespeares „Othello“, Goethes „Faust“ und Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ sollen in Bremen darüber Aufschluss geben. Wobei Faust seiner Nummerierung nach für Irritationen sorgen dürfte. Als wären die ersten beiden Teile dieser Mammut-Tragödie nicht schon umfangreich genug, ist im Programmheft nämlich von „Faust I-III“ die Rede. Es ist ein Text von Elfriede Jelinek, der aus dem Zweiteiler eine Tetralogie macht – länger als drei Stunden, versichert Intendant Michael Börgerding, werde der Abend trotzdem nicht dauern.

Durch die Augen eines bürgerlichen Ehepaars darf das Bremer Publikum gleich zweimal blicken. Erst mit Ingmar Bergmans „Szenen einer Ehe“, inszeniert von Klaus Schumacher. Dann mit Ibsens „Nora oder ein Puppenheim“ (Regie von Felix Rothenhäusler). Und sogar durch die Augen eines ausgemachten Idioten soll man blicken dürfen, nämlich dem Helden des Dostojewski-Romans „Der Idiot“. Frank Abts Inszenierung, heißt es, wolle sich einer drängenden Frage unserer Zeit widmen: Muss man zwingend ein Idiot sein, um sich zu so etwas Verrücktem wie Empathie und Anteilnahme zu bekennen?

Auch die Oper will sich den fremden Blick zunutze machen, wenngleich dies mehr innerhalb der Figurenkonstellationen auf der Bühne geschehen soll. Am deutlichsten kommt das in Ralph Benatzkys „Im weißen Rössl“ zur Geltung, einer Operette über Touristenerfahrungen am Wolfgangsee.

Doch auch Bizets „Carmen“, weithin bekannt als Porträt einer „Femme fatale“, gilt den Bremern als Reflexion über Fremdheit. Es gehe, sagt Opern-Chefdramaturg Ingo Gerlach, schließlich um nichts weniger als die kulturelle Differenz zweier unterschiedlicher Interpretationen von Liebe: Dem einen bedeutet sie Besitz, der anderen Freiheit.

Mit der Liebe wird dann auch wieder der rote Faden der vergangenen Spielzeit aufgenommen. Über den romantischen Liebesbegriff nämlich, sagt Gerlach, habe man noch längst nicht zuende nachgedacht. So ist es in der kommenden Spielzeit an Armin Petras, Leo Tolstois großen Liebesroman „Anna Karenina“ musikdramatisch zu inszenieren. Musikalische Grundlage hierzu bieten „drei Atmosphären“ von Thomas Kürstner und Sebastian Vogel. Andreas Kriegenburg dagegen wird die Inszenierung einer „Tango-Oper“ von Astor Piazzolla („María de Buenos Aires“) beisteuern.

Armin Petras, Andreas Kriegenburg: Ganz schön große Namen, die da plötzlich nach Bremen kommen. Bevor es keinem auffällt, zögert Michael Börgerding denn auch nicht, den Rang dieser Regisseure – Benedikt von Peter, der Wagners „Meistersinger“ inszeniert, zählt er auch dazu – eigens hervorzuheben. Solche Künstler, erklärt der Intendant, kämen angesichts ihrer andernorts weitaus höheren Gagen gewiss nicht des Geldes wegen nach Bremen, sondern allein, weil sie hier mit geschätzten Kollegen zusammenarbeiten können.

Auf geschätzte Kollegen freut sich auch Samir Akika, leitender Choreograf der Tanzsparte. Für „Belleville“ lädt er Tänzer ein, die er in Russland, Nigeria und Indien kennengelernt hat. Eine wahrhaft globale Produktion mit lokalem Thema: Es geht um „Belleville“, das multikulturelle Viertel von Paris.

Im Kinder- und Jugendtheater Moks ist durchaus härtere Kost zu erwarten. „Abzählen“ nach einem Roman von Tamta Melaschwili erzählt von der Kriegswirklichkeit aus Sicht zweier junger Mädchen, „Ich rufe meine Brüder“ von Jonas Hassen Khemiri versetzt sich in die Gefühlslage eines potenziell Terrorverdächtigen.

Alles in allem also ein umfangreiches und vielfältiges Programm, das man beinahe als „grenzenlos und glücksverheißend“ bezeichnen könnte. Ob es das wirklich ist, lässt sich ab September überprüfen: Dann stehen die ersten drei Premieren an.

Die Premieren am Theater

Oper:

21. September 2014: Die Meistersinger von Nürnberg

25. Oktober 2014: Anna Karenina

29. November 2014: María de Buenos Aires

31. Januar 2015: Le Nozze di Figaro

26. Februar 2015: Im weißen Rössl

21. März 2015: Carmen

24. Mai 2015: Eine Barockoper

4. Juli 2015: Entführung aus dem Serail oder Les Robots ne Connaissent pas le Blues

Schauspiel:

14. September 2014: Jetzt musst du springen

27. September 2014: Oedipus

4. Oktober 2014: Othello

11. Oktober 2014: Szenen einer Ehe

18. Oktober 2014: Faust I-III

14. November 2014: Die Schutzbefohlenen

16. November 2014: Pippi Langstrumpf

11. Dezember 2014: Der Idiot

28. Februar 2015: Medea

13. März 2015: World of Reason

23. April 2015: Mädchen und Jungen

25. April 2015: Endlich Kokain

8. Mai 2015: 3 000 Euro

27. Juni 2015: Nora oder ein Puppenheim

Tanz:

Herbst 2014: Eine weitere Arbeit von Gintersdorfer/Klaßen

27. November 2014: Belleville

5. Februar 2015: Aymara

10. April 2015: Untitled

6. Juni 2015: M!M

Moks:

26. September 2014: Abzählen

22. November 2014: Nachtgeknister

21. Februar 2015: Play Station

18. April 2015: Ich rufe meine Brüder

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