Theater Bremen sucht mit Simon Stephens‘ Stück „Pornographie“ nach den Keimzellen des Terrors

Achtung an Gleis meins!

+
Weit und breit kein Zug in Sicht, nur einer des Charakters: der hemmungslose Hedonismus.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, achten Sie auf die gelbe Linie! Wer sie überschreitet, muss damit rechnen, in den Sog des einfahrenden Zuges zu geraten. Und der kann Windgeschwindigkeiten eines ausgewachsenen Wirbelsturms erreichen – mit tödlichen Folgen.

Die im Bremer Theater wartenden Fahrgäste halten sich deshalb zunächst diskret vom Bahnsteig fern, die gelbe Linie gilt ihnen als Lebensversicherung. Aber auch: als Versuchung. Denn seiner Autonomie möchte sich der Stadtbewohner ja nun auch wieder nicht berauben lassen. Zum Glücksversprechen der Wohlstandsgesellschaft gehört nämlich das Recht auf Unvernunft, die Freiheit, sich ganz bewusst in Gefahr zu begeben oder zumindest gerade das zu tun, was gesellschaftlich geächtet wird.

Für manchen mag eben darin die eigentliche Definition von „Pornographie“ zu finden sein. Nicht so sehr das Sexuelle ist dann das Wesensmerkmal pornographischer Handlung, Darstellung oder Fantasie sondern allein die Lust am Exzess, das Überschreiten einer gelben Linie.

Vor diesem Hintergrund muss man die Kulisse zu Simon Stephens Stück „Pornographie“ verstehen, die Regisseur Klaus Schumacher mit seiner U-Bahn-Station (Bühne: Andreas Freichels) geschaffen hat. Denn um den Exzess jenseits der rein sexuellen Aufladung geht es den hier wartenden Passanten. Um den enthusiastischen Jubel über den Zuschlag ihrer Heimatstadt London für die Olympischen Sommerspiele. Um das ekstatische Schwelgen zum „Live Eight“-Konzert. Aber auch: um einen Terroranschlag auf die Londoner U-Bahn. Terroranschlag? Was hat das mit Olympiajubel zu tun?

Eine ganze Menge, meint Stephens, der im Programmheft von einem „postapokalyptischen“ Zeitalter spricht: von einer Gesellschaft, die sich mit banalem Zeitvertreib über ihre Katastrophen hinwegtröstet. Die Titanic sinkt, doch die Kapelle spielt weiter.

Am Bremer Bahnsteig allerdings ist von Postapokalypse weniger zu sehen als von Egozentrik und Hedonismus. Für einander interessieren sich die Wartenden nur begrenzt, die Bühne nutzen sie bevorzugt zur monologisierenden Selbstdarstellung: Achtung an Gleis meins!

Eine frustrierte Mutter (Susanne Schrader) etwa sinniert selbstmitleidig über die Unbill ihrer Existenz zwischen Familie und Beruf. Und findet den Ausweg aus ihrer schlechten Laune in der Freude an der bösen Tat: dem Verrat brisanter Geschäftsgeheimnisse an die Konkurrenz.

Eine junge Frau (Franziska Schubert) sucht derweil ihren ehemaligen Professor (Martin Baum) auf, um von ihm endlich die so lange verweigerte Beachtung zu erfahren. Der freilich versteht das als Einladung ganz anderer Art: Vor ihrer Vergewaltigung kann sich die arme Besucherin nur mit gezielter Beißattacke retten.

Und ein Familienvater (Guido Gallmann) verlässt sein Einfamilienhaus, um mit einem Rucksack voll sprengfähigen Materials in die Londoner City zu fahren. Ein Attentäter, nicht aus religiösem Eifer, sondern aus gekränkter Eitelkeit: Der Busfahrer, sagt er, habe ihn nicht gegrüßt, und die Frau an der Kasse habe sich nicht einmal für seine Unterschrift auf der Kreditkarte interessiert. Das sind Probleme.

Man wird nicht schlau daraus, was uns diese zwischen Selbstsucht und Selbstvergessenheit oszillierenden Charaktere sagen sollen. Dass die Keime des Terrors in uns selbst verborgen liegen? Dass der Wohlstandsnarzissmus nur ein Spiegelbild des islamistischen Märtyrerwahns ist? Oder dass die Apokalypse nicht in einer terroristischen Bedrohung, sondern in der urbanen Dekadenz begründet liegt?

Wie immer man auch die einzelnen Episoden in einen Zusammenhang zu bringen versucht: Stets erscheint die Nahtstelle schief, das Modell allzu konstruiert. Das liegt noch am wenigsten an den Schauspielern, die manch weit hergeholten Charakterzug ihrer Figuren zu glätten verstehen. Auch der Regie lässt sich eigentlich kein Mangel an Schärfe vorwerfen. Im Gegenteil bringt die U-Bahn-Metaphorik mit Kleidungsstücken im Gleisbett die Fragwürdigkeiten der Textvorlage stellenweise allzu direkt zur Geltung.

So ist es wohl doch das Stück selbst, das aus dem ungefähren Assoziationsallerlei – allen Lobeshymnen diverser Kritiker zum Trotz – einfach keine klaren Konturen zu entwickeln vermag. Dekadenz und Terror, Wohlstand und Zerstörung, Leben und Tod: Auf Gegensätze allein kommt es auf der Bühne selten an. Sondern auf das, was zwischen ihnen passiert.

Kommende Vorstellungen: morgen und am 22. November um 18.30 Uhr, am 10., 12. und 18. Dezember jeweils um 20 Uhr am Theater Bremen.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Frankreichs Regierung verteidigt Rentenpläne

Frankreichs Regierung verteidigt Rentenpläne

Richtungskampf beim SPD-Parteitag

Richtungskampf beim SPD-Parteitag

Was bringt Ridepooling wirklich?

Was bringt Ridepooling wirklich?

Streiks in Frankreich gehen in neue Runde

Streiks in Frankreich gehen in neue Runde

Meistgelesene Artikel

Hellseatic: Neues Festival für Heavy Metal und Co. an der Weser

Hellseatic: Neues Festival für Heavy Metal und Co. an der Weser

Gegen die Kultureliten

Gegen die Kultureliten

Deutliche Worte

Deutliche Worte

Einmal Virtualität und zurück

Einmal Virtualität und zurück

Kommentare